deensvtr

Immer noch Jung - Kinostart: 05.10.2017

Artikel bewerten
(1 Stimme)
Immer noch jung ist ein dokumentarischer Einblick in die schnelllebigen Mechanismen ...
 
... unserer Musikindustrie. Die Killerpilze haben sich selbst gefilmt auf ihrem Weg durch den dichten Dschungel des Showbusiness.
 
Die verzweifelte Suche nach Authentizität
 
Am Anfang steht eine sehr junge Band, die trotz, oder gerade wegen ihrer behütenden Verhältnisse mit den rebellischen Ideen des Punkrock spielt. Da diese Jugendlichen aber nicht mehr in den siebziger Jahren leben, sondern in den frühen 2000ern, werden sie ziemlich schnell von den Mainstream-Medien gefunden, bevor sie überhaupt Zeit hatten sich selbst zu finden. Das ist die grobe Prämisse, der dieser Dokumentarfilm folgt. Dabei kommen Weggefährten, ehemalige Bandmitglieder, Manager und Leute aus dem Showbusiness zu Wort. Aber vor allem spricht die Band selbst über sich, für sich und gegen sich.
 
Es beginnt also damit, dass blutjunge Kinder zum Beginn ihrer Pubertät im beschaulichen Dillingen eine Band gründen, wie so viele vor und nach ihnen. Als dann aber ziemlich schnell ein Major-Label auf sie aufmerksam wird, beginnt zunächst eine steile Karriere mit einem höchst erfolgreichen Debütalbum, Goldenen Schallplatten, einer Europatournee und großem Medienecho. Die jungen Musiker taumeln irgendwo zwischen kindlicher Glückseligkeit und Fassungslosigkeit, zwischen begeisterter Naivität und dem Willen zur Professionalität. Auf diesem Katapult Richtung Weltruhm zieht jedoch plötzlich das Schicksal die Reißleine.
 
Genauso schnell wie der Erfolg eingesetzt hat, ist er plötzlich wieder weg. Als nach der langen Tour das zweite Album auf den Markt kommt, sind die Verkaufszahlen enttäuschend und das Majorlabel legt ihnen eine Bandauflösung nahe, mit anschließendem Reboot unter neuem Namen.
 
Die Musiker entscheiden sich für einen anderen Weg und setzen auf eigene Faust ihre Suche fort, nach dem richtigen Sound, den richtigen Themen, dem richtigen Umgang mit dem Business. Mittlerweile sind sie Medienprofis und haben entsprechend nun einen Film über ihren bisherigen Werdegang veröffentlicht. Und die Reise scheint noch lange nicht zu Ende.
 
Das Spiel mit Antagonisten und Protagonisten
 
Jeder Film braucht einen Antagonisten und obwohl dessen Erwähnung sich in diesem Film auf wenige Anspielungen beschränkt, ist doch klar, dass man bei dem Phänomen der Killerpilze auch Tokio Hotel immer mitdenken muss. Es scheint so, dass die einen die anderen erst möglich gemacht hat und vielleicht auch umgekehrt. Es ist jedenfalls dem Marketinggenie von Universal zu verdanken, die komplette Bandbreite jugendlicher Rebellion kapitalistisch abzugreifen indem man beiden Extremen ein junges Gesicht gibt. Auf der einen Seite die melancholische Emo-Wellen-Surfer Tokio Hotel, auf der anderen Seite die lautstarken Kinder-Punk-Möchtegerns Killerpilze.
 
 
Diese halbstarke Attitüde der jungen Band ist zugleich höchst sympathisch und zutiefst traurig. Es ist wirklich bezeichnend, dass bei dem Kennenlernen im Universal Firmensitz in Berlin ausgerechnet Bella B von den Ärzten den Staffelstab des Punkrocks an die neue Generation übergibt. Nichts macht offensichtlicher, dass die Punkbewegung vollkommen vom Mainstream geschluckt wurde und somit die eigenen Ideale eigentlich verraten hat. Doch letztlich ist das der Verlauf aller revolutionärer Bewegungen in der Geschichte der Menschheit, man muss nur damit umgehen lernen. Die Killerpilze haben es nur ausnahmsweise am eigenen Leib erfahren.
 
Gleichzeitig zeigt sich aber auch, wie willensstark eine Band sein kann, deren Gründungsmythos nicht erst im Fernsehen konstruiert werden muss. Die Halbwertszeit sowohl von Tokio-Hotel als auch den Killerpilzen ist um vieles länger als bei vergleichbaren Castingbands, schlicht weil sie sich gefunden haben bevor der Erfolg da war und dementsprechend besser damit umgehen können wenn der Erfolg wieder weg ist. Das macht sie für die Plattenfirmen einerseits womöglich etwas länger vermarktbar, aber andererseits auch schwerer zu kontrollieren. Die ehemaligen Teenager-Fans haben zumindest so die Möglichkeit, in die eigene Jugend zurück zu reisen und ihre Idole von damals nochmal Live auf der Bühne zu sehen, eine Qualität, die in der heutigen, schnelllebigen Zeit fast schon verloren schien.
 
Immer noch jung, immer noch zu vermarkten
 
Erstaunlich ist auf jeden Fall, dass immer mehr Bands die Mechanismen der Castingshows ganz automatisch, wahrscheinlich sogar unbewusst übernehmen und adaptieren. Es scheint allgemein anerkannt, dass die Band polarisieren muss und die Mitglieder verschiedene Stereotype verkörpern sollten, um sich selbst gut zu vermarkten. Von dieser kapitalistischen Wahrheit können sich auch die Killerpilze nicht ganz freimachen und haben auf ihrem Weg seit dem frühen Ruhm auch den eigenen Idealismus teilweise der pragmatischen Professionalität geopfert. Die neuen Lieder sind so routiniert dem heutigen Massengeschmack angepasst, mit elektrischen Drumsounds, Hipster-Bärten und Neon-Romantik.
 
Die Trennung von dem ehemaligen Bandmitglied Andreas „Schlagi“ Schlagenhaft bleibt in der Dokumentation eher eine Randnotiz, obwohl sie eigentlich genau den Kern der Problematik trifft. Wie viel Authentizität und Rebellion ist man bereit für den Ruhm aufzugeben und wo liegen die moralischen Grenzen des eigenen Ausverkaufs? Einer bewusst getroffenen Entscheidung in beide Richtungen ist aber grundsätzlich nichts entgegenzusetzen, schließlich gibt es auch diesseits kapitalistischer Grenzen noch etliche Träume zu verwirklichen. Und das Olympiastadion ist im gewissen Sinne ja auch ein höchst idealistisches Ziel. Ob der Name dabei nun Fluch oder Segen ist, bleibt dahin gestellt, jedenfalls bleibt er im Ohr, wie Klaas Heufer-Umlauf so treffend sagt.
 
 
Fazit
 
Spannende Dokumentation ganz dicht an den jungen Protagonisten dran, mit intimen und ehrlichen Einblicken in das grausame Showbusiness. Für ehemalige und zukünftige Fans, sowie eine aufschlussreiche Lehrstunde für junge Bands.
 
 
Unterstütze CinePreview.DE:
                                                                                                                                        
 
 

Ähnliche Kritiken

Schloss aus Glas Das Drama „Schloss aus Glas“ basiert auf den erfolgreichen Memoiren von Jeanette Walls, ...   ... die damit ihre eigene Vergangenheit bewältigt und versucht hat, mit ihrem ungewöhnlichen Großwerden zurechtzukommen. Es ist ein interessanter Film, der nicht auf sim...
Dalida Iolanda Cristina Gigliotti war eine in Ägypten geborene, italienische Sängerin, ...   die in Frankreich unter dem Namen „Dalida“ berühmt wurde. Sie war eine starke, moderne Frau und doch immer auch verletzlich. Sie traf ihre eigenen, oft unkonventionellen Entschei...
Regeln spielen keine Rolle “Überprüfe niemals einen interessanten Fakt”, sagte Howard Hughes - oder auch nicht.   Regisseur Warren Beatty beginnt sein neuestes Werk “Regeln spielen keine Rolle” mit diesem augenzwinkernden “Zitat”. Hollywood-Legende Beatty ließ sich...
All Eyez On Me Tupac Shakur wurde nur 25 Jahre alt. Der neue Film über sein Leben dauert über ...   ... 2 Stunden und möchte uns diesen widersprüchlichen Menschen und Künstler näher bringen.   Beginn   Zu Beginn des Films sehen wir Tupacs Mutter, ein Mitglied d...

Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Sascha Fersch
  • Regisseur: David Schlichter, Fabian Halbig
  • Stars: Johannes, Fabian Halbig
hnews hsolo rh
Ron Howard ist der Regisseur des immer noch titellosen “Star Wars”-Ablegers zu Han Solo. Dank Howard und dessen Twitter-Konto wissen wir, dass die…
hnews br 1
Am 27. Dezember 2018 kehrt eine der größten Musik-Ikonen aller Zeiten auf die große Leinwand zurück! In BOHEMIAN RHAPSODY verkörpert Rami Malek („Mr.…
hnews jfranco1
Elysium Bandini Studios ist in Hollywood einzigartig. Das Filmstudio produziert nämlich nicht für den größtmöglichen Gewinn, sondern für den guten…
hnews bond craig
Endlich gibt es Klarheit: Daniel Craig, der seit “Casino Royale” 2006 den smarten Agenten im Auftrag seiner Majestät mimt, wird noch einmal zu “007”!…
hnews 007 re
Fans von James Bond sollten sich den 8. November 2019 rot im Kalender markieren. Dann kommt der 25. Bond-Film ins Kino, wie “The Hollywood Reporter”…
laff srm header2
“Jetzt haben wir es geschafft, sind aber auch fast pleite”, lacht Gabriele Hayes, als FantasticMovies sie zur Premiere ihrer Dokumentation “Skid Row…
laff header1
Kurioserweise findet das Film Festival von Los Angeles nicht in Hollywood, sondern im ziemlich verschlafenen Stadtteil Culver City im Südwesten der…
hnews mioe
Regisseur Kenneth Branagh ist es gelungen, zur Neuverfilmung des Klassikers "Mord im Orient Express", nach dem gleichnamigen Bestseller von Agatha…
hnews duniverse
Das „Dark Universe“ wird uns das Fürchten lehren! Zum Kinostart von DIE MUMIE hat Universal Studios das geplante Filmuniversum rund um die legendären…
hnews mmia2a
"Mamma mia, here we go again" - unser liebster Musical-Film kommt zurück! Universal Pictures bringt nächsten Sommer die Fortsetzung zu "Mamma Mia" in…
hnews pmc1
Paul McCartney ist bereit, in See zu stechen! Der Sänger teilte auf seinem Twitter-Profil das erste offizielle Foto in Piraten-Kostüm. Mit langem…
hnews mtv017
Am Sonntag (7. Mai) fanden in Los Angeles die MTV Movie & TV Awards statt. Trotz der Regen-und Hagelschauer holten sich viele Stars ihre Preise…
hnews jffla
“Morris Blaibtroi”, so ganz einfach kommt den Amerikanern der Name des deutschen Schauspielers noch nicht über die Lippen. Bleibtreus Film “Es war…
hnews rdogs
Quentin Tarantinos erster Kinofilm “Reservoir Dogs” feiert seinen 25. Geburtstag. Zu diesem Anlass kamen der Regisseur und seine Hauptdarsteller beim…
hnews ff so
Es sieht ganz so aus, als ob eine der erfolgreichsten Film-Reihen der letzten Jahre bald Nachwuchs bekommt. Wie Brancheninsider “The Hollywood…