deensvtr

Nocturnal Animals

Artikel bewerten
(8 Stimmen)
Anders. So könnte man Tom Fords Werk »Nocturnal Animals« am besten beschreiben.
 
In seiner Bildgestaltung, Cadrage sowie im Szenenbild dagegen gibt sich der Regisseur, der einst mit »A Single Man« auf sich aufmerksam machte, sklavisch konventionell, nur um im erzählerischen Ton seiner nihilistischen Neo Noir-Geschichte komplett andere Wege zu gehen und den Zuschauer wahrlich vor den Kopf zu stoßen.
 
Susan (Amy Adams) ist eine erfolgreiche Künstlerin, die seit ihrer Scheidung von ihrem Ex-Mann Edward (Jake Gyllenhaal) völlig verloren in ihrer eigenen elitären Welt wie ein Fremdkörper lebt. Eines Tages bekommt sie ein Manuskript von Edward zugeschickt, welches den Namen »Nocturnal Animals« trägt und ihr gewidmet wurde. Das Buch handelt von Tony (ebenfalls Jake Gyllenhaal), der mit seiner Frau Laura (Isla Fisher) und seiner Tochter India (Ellie Bamber) einen Ausflug auf das Land machen will und dabei nachts auf dem Highway vom finsteren Ray (Aaron Taylor-Johnson) und seinen Schergen überfallen wird. Dabei wird Tony allein in der Ödnis zurückgelassen, während Frau und Kind entführt wurden. Beim Lesen der dramatischen Geschichte wird Susan immer klarer, wieso ihre Beziehung mit Edward nicht funktionieren konnte…
 
»Nocturnal Animals« besitzt zwei Handlungsstränge, die zwei völlig verschiedene Geschichten ohne jeden Zusammenhang erzählen und doch clever zusammenpassen. Hier gelingt Regisseur und Autor Tom Ford das Kunststück, diese zwei Elemente sinnvoll zu einem Ganzen zu fügen. Die Handlung wechselt dabei ständig im Minutentakt zwischen den beiden Ebenen, doch nie wirkt das deplatziert, hektisch oder unschlüssig. Und zwischen den Zeilen ergibt sich auch mehr und mehr der Zusammenhang, warum gerade diese zwei Geschichten erzählt werden. Nicht grundlos spielt Jake Gyllenhaal in beiden mit.
 
»Nocturnal Animals« handelt unter Anderem von den eigenen Selbstzweifeln und unserem fehlenden Mut, den inneren Schweinehund zu überwinden und die eigenen Ängste zu besiegen. Wenn Tony hinter einer sicheren Deckung einfach nur zusieht, wie seine Frau und seine Tochter verschleppt werden, anstatt einzuschreiten und für sie zu kämpfen, dann ist ganz und gar wenig heroisch. In »Nocturnal Animals« gibt es eben nicht den starken Superhelden, den wir sonst immer als Protagonist spendiert bekommen. Tony ist innerlich schwach, feige und zerrissen. Ford stellt die mutige Frage, ob wir selbst auch überhaupt in dieser Situation den Mut gehabt hätten, anders zu handeln.
 
Fords Film begibt sich immer wieder auf diese heiklen Pfade mit all seinen Anti-Helden, doch die zentrale Figur bleibt Susan, auf die in den entscheidenden Momenten der Tony-Geschichte immer wieder geschnitten wird, um ihren emotionalen Eindruck einzufassen. Denn letztendlich zählt ihre Wahrnehmung des Ganzen, durch die der Zuschauer auch das Manuskript miterlebt. Amy Adams (»Arrival«) gibt sich dabei beeindruckend kühl wie präsent und zeigt, dass sie neben Mauerblümchen-Rollen wie in »Batman V. Superman« auch ganz anders kann. Doch den stärksten Part hat wieder einmal Jake Gyllenhaal (»Nightcrawler«), der in gleich zwei Rollen gewohnt souverän seine Performance gibt, wie es zurzeit kaum ein Zweiter kann.
 
Ebenso superb besetzt sind die Rollen von Aaron Taylor-Johnson (»Avengers: Age of Ultron«) als verachtenswerter Hinterwäldler Ray und Michael Shannon (»Man of Steel«), der den gesundheitlich verwahrlosten Sherriff Bobby Andes spielt. Shannons Part ist dabei herrlich komisch, mit sehr schwarzem Humor versehen, wohlgemerkt. Der trotz Lungenkrebs kettenrauchende Sherriff stellt sich dabei mit seinem Sinn für Gerechtigkeit als wohl die sympathischste Figur in beiden Geschichten heraus. Ohne hässliche Ecken und Kanten kommt ohnehin niemand in »Nocturnal Animals« aus.
 
Bereits die ersten Minuten des Films sind derart andersartig, dass der Zuschauer sich zugleich pure Ästhetik und ekelhafte Abstoßung verspürt. Eine Ambivalenz, die sich durch Fords gesamte Welt und seine Figuren zieht. So ist das zentrale Element die Beziehung von Susan und Edward, die sich auch in Edwards Manuskript widerspiegelt, wenn auch nicht auf den ersten Blick. In beiden Geschichten ist das Handeln der Charaktere zum Scheitern verurteilt. Die Ehe von Susan und Edward war es auch, obwohl beide zunächst wie geschaffen füreinander scheinen.
 
In einer dritten Erzählebene, einer Rückblende, wird das Scheitern dieser Ehe in kurzen Dialogszenen dargeboten und obwohl sich diese zeitlich nicht immer gleich in das gesamte Gefüge einordnen lassen, offenbart sich dem Zuschauer mehr und mehr das Dilemma der in dieser Welt gefangenen Charaktere. In »Nocturnal Animals« sind alle Figuren irgendwie eben Nocturnal Animals, also nachtaktive Wesen, die keinen Schlaf bzw. keinen inneren Frieden finden und sich selbst akzeptieren können. Tom Fords Protagonisten sind zugleich Antagonisten, wie erwähnt: Ambivalent.
 
Das Ford eigentlich mal Mode-Designer war, sieht man dem Film jederzeit an. Jedes Bild ist extrem klar strukturiert und aufgebaut und folgt glasklaren Konventionen. Wie ein hochwertiges Design-Produkt reizt Ford seine Einstellungen bis zur Perfektion aus. Es gibt keinen Raum für verspielte Experimentierfreudigkeit. Farben und Hintergründe sind unterkühlt gehalten und selbst in den spannendsten Momenten scheint Ford nie den inszenatorischen Boden zu verlieren.
 
Den Freiraum für Überraschungen gibt Ford dafür seinem Plot, der zahlreiche Interpretationen zulässt und in diesem Text nur angekratzt werden konnte. Am Ende wird die Geschichte um Susan jedenfalls bitterböse aufgelöst und lässt den Zuschauer mit einem wahrlich unangenehmen Gefühl zurück. »Nocturnal Animals« kann einen bis dahin weder unterhalten noch amüsieren, Tom Fords Film ist vielmehr modern gewordenes Film Noir.
 
Fazit
 
Ein zynisches Melodram, das ungeheuer viel Faszination erzeugt, wenn man sich darauf einlässt. Ein ganz besonderer Film.
 
 
Unterstütze CinePreview.DE:
                                                                                                                                        
 
 

Ähnliche Kritiken

Mother! Provokant! Brutal! Verstörend! Diese Adjektive beschreiben das neue Werk ...   ... von Aaron Daronofsky („Black Swan“) wohl am besten! Für seinen Psycho-Horror-Thriller konnte der als Grenzen sprengende bekannte Regisseur aber trotzdem eine beachtliche Anzahl hochkar&a...
Whatever Happened to Monday? In der Zukunft bekämpft man die Überbevölkerung mit drastischen Maßnahmen. ...   Eine ungewöhnliche Großfamilie versucht trotzdem zu überleben. Tommy Wirkolas neuer Film ist zunächst originell und dann unerwartet spannend.   Von der Dystopie ...
Sleepless Eigentlich sollte der Film schon 2014 kommen, doch Verzögerungen sorgten dafür, dass es noch mal drei Jahre länger dauerte.   Das hat für den deutschen Zuschauer den Vorteil, dass das französische Original „Sleepless Night“ mit „Largo Winch“...
The Killing Of A Sacred Deer Horror, Drama, Psychothriller, Milieustudie, Gesellschaftskritik, …   Der neue Film von Yorgos Lanthimos ist all das. Und noch viel mehr.   So lange das Herz noch schlägt ….   Steven Murphy ist ein erfolgreicher Herzchirurg. In seinem noblen Haus warten sei...

Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Alexander Friedrich
  • Regisseur: Tom Ford
  • Drehbuch: Tom Ford
  • Stars: Amy Adams, Jake Gyllenhaal
hnews tdca
Was für eine Knaller-Besetzung! Wie das US-Branchenblatt "Variety" schreibt, soll Leonard DiCaprio im neuen Film von Quentin Tarantino mitspielen.…
gg018 mag header
Die Golden Globes 2018 waren so politisch wie noch nie zuvor. Fast alle Gäste trugen schwarz und einen "Time'sUp"-Anstecker. Damit zeigten sie sich…
hnews mdamon trauer
"Kent Damon hat den langen Kampf gegen den Krebs verloren!" Diese weniger erfreuliche Mitteilung veröffentlichte Matt Damon´s Pressesprecher…
hnews jgblum
„Wenn man älter wird, geht ein Sommer nur so vorbei – bomb-ding, bomb-dang. Und dann ist es plötzlich September – bam-dat sca-dat – wissen Sie, was…
hnews hsolo rh
Ron Howard ist der Regisseur des immer noch titellosen “Star Wars”-Ablegers zu Han Solo. Dank Howard und dessen Twitter-Konto wissen wir, dass die…
hnews br 1
Am 27. Dezember 2018 kehrt eine der größten Musik-Ikonen aller Zeiten auf die große Leinwand zurück! In BOHEMIAN RHAPSODY verkörpert Rami Malek („Mr.…
hnews jfranco1
Elysium Bandini Studios ist in Hollywood einzigartig. Das Filmstudio produziert nämlich nicht für den größtmöglichen Gewinn, sondern für den guten…
hnews bond craig
Endlich gibt es Klarheit: Daniel Craig, der seit “Casino Royale” 2006 den smarten Agenten im Auftrag seiner Majestät mimt, wird noch einmal zu “007”!…
hnews 007 re
Fans von James Bond sollten sich den 8. November 2019 rot im Kalender markieren. Dann kommt der 25. Bond-Film ins Kino, wie “The Hollywood Reporter”…
laff srm header2
“Jetzt haben wir es geschafft, sind aber auch fast pleite”, lacht Gabriele Hayes, als FantasticMovies sie zur Premiere ihrer Dokumentation “Skid Row…
laff header1
Kurioserweise findet das Film Festival von Los Angeles nicht in Hollywood, sondern im ziemlich verschlafenen Stadtteil Culver City im Südwesten der…
hnews mioe
Regisseur Kenneth Branagh ist es gelungen, zur Neuverfilmung des Klassikers "Mord im Orient Express", nach dem gleichnamigen Bestseller von Agatha…
hnews duniverse
Das „Dark Universe“ wird uns das Fürchten lehren! Zum Kinostart von DIE MUMIE hat Universal Studios das geplante Filmuniversum rund um die legendären…
hnews mmia2a
"Mamma mia, here we go again" - unser liebster Musical-Film kommt zurück! Universal Pictures bringt nächsten Sommer die Fortsetzung zu "Mamma Mia" in…
hnews pmc1
Paul McCartney ist bereit, in See zu stechen! Der Sänger teilte auf seinem Twitter-Profil das erste offizielle Foto in Piraten-Kostüm. Mit langem…