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Das kalte Herz

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Eine düstere Klangfläche breitet sich aus. Hinein geht es in den unheimlichen Schwarzwald. Eine Welt, die zwar dem tatsächlichen Schwarzwald des 19. Jahrhunderts gleicht, aber noch Geister, Mysterien und Zauber in sich birgt.
 
Hier bahnt sich auch eine Frühform des Kapitalismus seinen Weg; denn die Wälder werden gerodet und die Stämme gewinnbringend nach Holland verschifft. Am unteren Ende der Standesordnung: der Köhlerjunge Peter Munk (Frederik Lau). Natürlich träumt er sich aus seiner prekäre Lage heraus, natürlich will auch er zu großem Reichtum und Ansehen kommen. Aber auch die schöne Lisbeth (Henriette Confurius) lässt ihn von einem anderen Leben träumen. Deshalb wendet er sich an das geheimnisvolle aber gutmütige Glasmännchen (Milan Peschel), das ihm drei Wünsch gewährt. Danach gewinnt er zwar Lisbeth. Seine Wünsche waren jedoch unbedacht.
 
Deshalb ist sein Glück schnell verbraucht und er steht wieder am Anfang — mittellos. Aus Angst Lisbeth zu verlieren und um wieder zu Geld zu kommen geht er mit dem bösartigem Holländermichel (Moritz Bleibtreu) einen Pakt ein und verpfändet sein Herz. An dessen Stelle sitzt nun ein kalter Stein. Nun ist er frei von jedem Gefühl und sammelt nun skrupellos Reichtum an. Doch ohne sein Herz verliert Peter auch die Fähigkeit zu lieben.
 
1827, tief in der romantischen Epoche, veröffentlichte Wilhelm Hauff die Märchennovelle „Das kalte Herz“. Nach der bekannten DDR-Version von 1950 und weiteren Adaption ist der Regisseur Johannes Naber der nächste der sich 189 Jahre nach Erscheinen des phantastischen Stoffes annimmt. In seinen letzten beiden Filmen saßen Geld und Kapitalismus auf der Anklagebank. Das Drama „Der Albaner“ (2010), mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet, erzählt fast dokumentarisch von einem jungen Illegalen, der versucht in Berlin das Geld für die Hochzeit in seinem Geld zu verdienen. Ganz anders "Zeit der Kannibalen" (2014): In dieser Buissness-Grotesken geraten die Figuren in einem in einem Hotelzimmer nach dem anderen an den Rand des Nervenzusammenbruchs.
 
Dieser filmbiographische Hintergrund des Regisseurs liefert das Problem vom „Kalten Herz’“. Denn Johannes Naber deutet sein neues Werk als Fortsetzung seiner gesellschaftskritischen Vorgänger. Freilich in anderer Form. Doch nach Naber stellt auch Hauffs Märchen „die Frage nach Haben oder Sein“, wobei das Herz aus Stein für die „Macht des Eigentums“ stehe. Doch eine Interpretation, die dem Film einen kritischen Anspruch zutraut, ist fehlgeleitet. Der Regisseur und die ersten Besprechungen möchten den Film als basales, ja mythisches Kampfgeschehen zwischen Geld und Herz verstanden wissen —märchenhafte Kapitalismuskritik. Doch Nabers Version gibt dafür nicht genug her; weder inszenatorisch noch inhaltlich.
 
Der Film will gesellschaftskritisch zu sein? Katastrophal!
 
Der Film kann gar nicht kritisch sein, weil er die Logik des Kapitalismus ästhetisch adaptiert: maßlose Steigerung und kitschige, naive Fiktion. Der erste Punkt ist bekannt: beschleunigtes Wachstum, größere Produktion und höherer Konsum. Das ist das ureigene Prinzip des Kapitalismus: Kapital wird mit dem Ziel eingesetzt wird, hinterher mehr Kapital zu besitzen. Die Fiktion hingegen ist die Geschichte, die der Kapitalismus über sich selbst erzählt. Eine Story mit Happy End für alle, in der sich alles epochal und prächtig zeigt, mit klaren Polen und einfachen Entscheidungen: Gut oder böse? Kaufen oder Warenkorb? Like oder Kommentar?
 
Wie verhält sich der „Das Kalte Herz“ zu dieser Funktionsweise? Er überträgt sie ins Filmische. Die Kulissen sind opulent, die Musik überdehnt, bedeutungsschwanger wird Banales verkündet, das Bild ist hochauflösend, alles muss gesteigert, alles muss übertrieben werden. Die Bösen lachen verächtlich, der Waldgeist mahnt kränkelnd die Wahrung der Natur   an und unser Held ist begossener Pudel, vom Schicksal geschlagen, oder der Zyniker mit gegeitem Haar.
 
Hier stoßen wir auf den Kitsch und die Naivität. Die Liebe ist hölzern und der Gegensatz zwischen Gut und Böse klar abgesteckt. Diese Steigerungen liegen vor allem an der Adaption Nabers. Hauffs Märchen, interessierte sich weniger für die Liebesgeschichte, arbeitete auch mit Ironie und verkette Magie und Realität geschickter. Bei Naber wird all das aufgebauscht. Der Regisseur meint dazu den gesamten christlichen Glauben herausgestrichen zu haben, der im Original steckt.
 
Doch wo tritt das christliche Schwarz-Weiß-Denken deutlicher zutage als in der Gegenüberstellung von dem teuflischen Holländermichel und dem sanftmütigen Glasmännchen? Die romantischen Motive, von der Ganzheit der Welt bis zur Flucht die Natur, füllen den Film bis zum letzten Zentimeter Rand mit Pathos. Und der Verzicht darauf, die Handlung in geschichtlichen Situation u verorten, wie das Original, um ja nicht für ein Historiendrama gehalten zu werden, bringt das Fass dann zum Überlaufen.
 
Im Märchen zeigt sich die Welt einfach und klar. In der Wirklichkeit scheint sie undurchschaubar zu sein. Deshalb ist es trügerisch, wenn ein Film dieser Machart als gesellschaftskritisch gedeutet wird. Das Märchen bietet einfach kein ästhetisches Verfahren, um sich dem Kapitalismus zu nähern. Eigentlich bieten sich nur zwei Optionen: entweder das vielschichtige und realistische Drama sowie die detaillierte Dokumentation, geleitet von dem Versuch die verwobene Wirklichkeit möglichst dicht zu beschreiben.
 
Oder aber die Satire: die Übertreibung zu übertreiben, die Farce ins Extreme drehen, zynisch und horrorhaft. Und damit einen Blick zweiter Ordnung zu ermöglichen, der mittels Ironie eine Distanz zu schaffen vermag. Diese beiden Varianten hat Regisseur Narber aber schon durchgespielt. In seinen beiden Filmen vorher.
 
Der Film will ein Fantasy-Spektakel sein? Respektabel!
 
In ganz anderem Licht steht dieser Film, wenn man ihn primär als Genrefilm begreift. Denn „Das kalte Herz“ gibt eine respektable Fantasy-Geschichte ab. Denn alles, was weiter oben, sicherlich überspitzt, als überdehnt, geheimnistierisch und pathetische beschrieben wurde, gehört zu den Merkmalen dieser Art Film. Und ist, damit nichts, was großartig kritisiert werden müsste.
 
Im Gegenteil: ganz andere Facetten rücken stellen dann den Bewertungsmaßstab — die phantastischen! Die spannungsreiche und mal fiebrige, mal flächige Musik () gehört dazu. Maske und Kostüme, die sich völlig befreit bei archaischen Naturvölkern bedienen, wie bei der Kleidung des 19. Jahrhunderts. Die Tätowierungen, die den jeweiligen Stand kennzeichnen, springen ins Auge. Ebenso die ausgefeilte Tricktechnik, die sich der renommierten VFX-Schmiede Chimney (HER; DAME, KÖNIG, AS, SPION) verdankt.
 
Selbst die leitmotivische Gestaltung der Charaktere wird plausibel: Das mysteriöse Pfeifen des Holländermichels, die Wandlung des Peter Munk und die Gutmütigkeit und Herzensstärke Lisbeth. In dieser dramaturgischen Konstellation lässt sich ein handwerklich solide gemachtes Filmwerk erkennen. Und das der Qualität von Hollywoodproduktionen nahekommt. Nicht besonders ambitioniert, aber gute Unterhaltung. Wenn man keine kritische Zeitdiagnose erwartet.
 
 

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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Nick Prahle
  • Regisseur: Johannes Naber
  • Drehbuch: Christian Zipperle, Johannes Naber, Steffen Reuter, Andreas Marschall
  • Stars: Frederick Lau, Moritz Bleibtreu
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