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Eleanor & Colette - Kinostart: 03.05.2018

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Helena Bonham Carter spielt eine Frau, die sich dagegen wehrt, in der Psychiatrie ...
 
... falsch behandelt zu werden bloß weil sie ein bisschen anders und ein bisschen schwierig ist. Der Film in dem wir sie sehen, ist auch ein bisschen anders. Und ein bisschen schwierig.
 
San Francisco, 1985
 
Eleanor Riese (Helena Bonham Carter) schreit. Nicht aus Wut. Oder aus Schmerz. Sie schreit aus Verzweiflung. Pflegepersonal schleppt sie in ein leeres Zimmer. Dort wirft man sie auf eine Matte auf dem Boden. Mit Gewalt verabreicht man ihr eine Injektion. Eleanor bleibt alleine auf der Matte liegen. Als sie von dem Medikament Krämpfe erleidet, ist niemand bei ihr. Später bettelt sie darum, auf die Toilette gehen zu dürfen. Aber die Tür bleibt geschlossen. Unter Schmerzen ist sie gezwungen, ihre Notdurft auf dem Boden zu verrichten. Erst sehr viel später öffnet jemand vom Personal die Tür. Eleanor ruft eine Patientenrechtshilfe an. Ihre Anwältin Colette (Hilary Swank) ist resolut und kompetent. Die beiden unterschiedlichen Frauen sind sich schnell nur in einem Punkt einig. In ihrem Verfahren darf es nicht nur darum gehen, Eleanor aus dem Krankenhaus zu holen. Sie wollen auch dafür sorgen, dass andere Patienten keine Psychopharmaka mehr gegen ihren Willen nehmen müssen.
 
„Wenn ich es nicht mache, macht es keiner“
 
Vor dreißig Jahren wurde Regisseur Bille August mit „Pelle, der Eroberer“ bekannt. Der Film wurde zu Recht mit der Goldenen Palme, einem Golden Globe und einem Oscar ausgezeichnet. Seither wurde er praktisch niemals im Fernsehen gezeigt und ist mittlerweile fast vergessen. Zu furchtbar war die Geschichte armer schwedischer Arbeiter in Dänemark um 1900. Die wunderschöne Botschaft von Menschlichkeit und Anstand ist untergegangen, weil der Film den meisten Menschen wohl zu schwierig war. Auch Augusts neuer Film wird es wohl schwer haben, seine Botschaft unter die Menschen zu bringen.
 
Der Film erzählt zwei Geschichten von zwei sehr unterschiedlichen Frauen. In einem Film, in dem uns die Figuren die Handlung leider ein bisschen zu oft erklären statt sie uns zu zeigen, lernen wir Eleanor im Laufe der Zeit immer besser kennen. Nach und nach erfahren wir wichtige Details über diese Frau. Sie hat sich selbst in das Krankenhaus eingewiesen. Sie führt seit Jahren genauestens Buch über ihre Medikamente und kann daher sehr gut beurteilen, welche Dosierungen ihr helfen und welche nicht. Eleanor ist katholisch und nimmt ihren Glauben sehr ernst. Nachdem sie vom Anwalt des Krankenhauses vor Gericht verbal gedemütigt wurde, meint sie zu ihm nur: „Sie tun mir leid“. Wir erfahren, wie eine Hirnhautentzündung während der Kindheit zu ihren geistigen Einschränkungen geführt hat. In einer schönen Szene mit ihrer Mutter zeigt diese, wie stolz sie auf ihre Tochter ist, weil sie trotz allem die High-School abgeschlossen hat. Wir fühlen Eleanors Wut, weil sie gegen ihren Willen Medikamente nehmen musste, die sie körperlich und seelisch beschädigt haben.
 
 
Helena Bonham Carter spielt diese schwierige Frau nicht nett und gefällig. Die sonst so zarte Schauspielerin wirkt hier schwer und schwerfällig. Und diese Darstellung wirkt wunderbar stimmig, hat es doch Eleanor auf ihrem Weg durchs Leben immer sehr viel schwerer als die meisten Menschen. Und Bonham Carter hat sich auch Robert Downey Jr.‘s Ratschlag aus „Tropic Thunder“ zu Herzen genommen. Wenn sie sich bereits in ihrem ersten Gespräch mit ihrer Anwältin Sorgen um andere Patienten macht, sehen wir eine Frau, die stets auch andere denkt. Wenn sie während einer Geschichte über Colette’s Großmutter schnell den Zusammenhang mit dem Schmuck der Anwältin erkennt, sehen wir eine Person deren Verstand vielleicht etwas anders, aber trotzdem auf eine faszinierende Weise funktioniert.
 
Leider verliert der Film Eleanors Geschichte mittendrin für eine Weile ein bisschen aus den Augen wenn er sich der von Colette zuwendet. Colettes Geschichte hätte auch interessant sein können. Leider bekommen wir diese Geschichte fast nur erzählt aber kaum jemals gezeigt. Wir sehen zunächst bloß, wie Colette sich in ihrem Job fast aufarbeitet. Die Beziehung zu ihrem Partner wirkt kein bisschen liebevoll. Sie küsst ihn zum ersten Mal nach über einer Stunde, als er ihr eine positive Stellungnahme eines Ärzteverbandes zu ihrem Fall zeigt. Wir erfahren, dass sie erst seit zwei Jahren als Anwältin praktiziert. Vor dem Jurastudium war sie Krankenschwester auf einer psychiatrischen Station. Sehr spät erzählt sie ein bisschen von ihrer indianischen Abstammung. Aber zu dem Zeitpunkt sind bereits anderthalb Stunden vergangen, während derer Colette uns nie recht sympathisch geworden ist.
 
Hilary Swank war bisher immer am besten, wenn sie Figuren spielen durfte, die nicht lieb und nett waren. Deshalb war sie ja auch in „Boys don’t cry“ und „The Homesman“ so großartig. Und deshalb sind ihre romantischen Filme wie „P.S. Ich liebe Dich“ und „New Year‘s Eve“ so schwer zu ertragen (naja, nicht nur deshalb). Und es liegt auch nicht an Swanks Darstellung, wenn wir mit Colette nicht richtig warm werden. Drehbuchautor Mark Bruce Rosin hat für Eleanor einige gute Szenen geschrieben, aber Colette und die anderen Figuren einfach komplett vernachlässigt. Wie im Schnelldurchlauf wird ihre Geschichte schnell abgehakt. In einer Sequenz wird die Anwältin aus Überarbeitung krank. Das sieht dann so aus, dass sie in einer Szene einen Fleck am Hals hat, in der nächsten Szene aussieht wie der dahinsiechende E.T. und noch einmal eine Szene später wieder springlebendig ist. So schnell kann das gehen. Aber so ist das leider einfach schlampig geschrieben.
 
„Ich habe Angst davor, nicht genug zu tun“
 
Auch die Regie von Bille August macht es uns nicht immer leicht. Manchmal wirkt die Inszenierung wie in einem Fernsehfilm. Der Film spielt in San Francisco. Trotzdem sehen wir kaum etwas von der Stadt. Theoretisch wäre dieser Film auch ein Gerichtsdrama. Aber wir bekommen kaum Szenen vor Gericht zu sehen. Sowohl das Urteil der zweiten als auch das der dritten Instanz bekommen wir aus einem Brief vorgelesen. Ein großer Teil der Handlung spielt entweder in Colettes oder in Eleanors Wohnung.
 
Wir hier bei cinepreview.de möchten unsere Leser tatsächlich über Filme informieren, statt einfach nur den Inhalt nachzuerzählen. Daher betreiben wir auch gerne mal ein bisschen Recherche (etwas das bei Filmkritiken im deutschsprachigen Raum eher unüblich ist). Filme die in den USA spielen, werden ja schon seit gut zwanzig Jahren öfter mal ganz woanders gedreht. Toronto zum Beispiel muss oft als Double für amerikanische Großstädte herhalten. Aber auch Prag hat man schon wie New York City aussehen lassen. Nun, „Eleanor & Colette“ wurde nicht nur mit deutschem Geld co-produziert. Die Dreharbeiten fanden auch zu einem großen Teil in Nordrhein-Westfalen statt. Es ist sicher schwer, einen Film wie diesen zu finanzieren. Und wenn man bedenkt, wie anders amerikanische Gerichtssäle aussehen und wie das Panorama in einem Park in San Francisco sich von einem in Köln unterscheidet, dann hat Bille August wirklich gute Arbeit geleistet. Trotzdem fehlt dem Film einfach ein wenig Atmosphäre.
 
 
Fazit
 
Dieser Film erzählt einfühlsam und nachvollziehbar die schwierige Geschichte einer faszinierenden Frau und ihres Kampfes für sich und andere Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen. Kleine Schwächen der Produktion werden von der großartigen Helena Bonham Carter einfach überspielt.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Bille August
  • Drehbuch: Mark Bruce Rosin
  • Besetzung: Helena Bonham Carter, Hilary Swank
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