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The Mule - Kinostart: 31.01.2019

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Regisseur und Hauptdarsteller Clint Eastwood und Drehbuchautor ...
 
... Nick Schenk haben uns vor mehr als zehn Jahren „Gran Torino“ beschert, den vielleicht besten Film in Eastwoods langer Karriere. Nun erzählen sie die Geschichte eines weiteren betagten Helden.
 
I’ve been everywhere
 
Earl Stone ist ein Kerl vom alten Schlag. Aber am Ende eines langen Lebens hat er nicht viel vorzuweisen. Seine Frau hat sich vor langer Zeit scheiden lassen. Seine Tochter spricht nicht mehr mit ihm, seit er sich zwölf Jahre zuvor lieber auf einer Blumenzüchtertagung auszeichnen ließ, als bei ihrer Hochzeit anwesend zu sein. Seine Firma musste er schließen und sein Haus soll zwangsversteigert werden. Da kommt das Angebot, für viel Geld eine Tasche von Mexiko nach Chicago zu bringen, gerade recht. Für das mexikanische Drogenkartell ist der charmante ältere Herr, der noch nie einen Strafzettel bekommen hat, der perfekte Drogenkurier. Schnell steigt er zum verlässlichsten und effektivsten „Mule“ (zu dt. „Muli“) auf …
 
Stephen King hat in den letzten Jahren mindestens drei Rome über den Zusammenbruch der Zivilisation geschrieben. „Cell“, „Under the Dome“ und „Sleeping Beauties“ sind hervorragend geschriebene Bücher. Ihr einziges Problem ist, dass King bereits vor vierzig Jahren mit „The Stand“ den besten Roman aller Zeiten über das Ende unserer Zivilisation geschrieben hat.
 
Wenn Clint Eastwood also einen Film über das Altwerden, über Familie und über Ehre und Anstand macht, ist das ungefähr vergleichbar. Eastwood hat mit „Unforgiven“ und „Million Dollar Baby“ zwei der besten Filme der Filmgeschichte über diese Themen gedreht. Und „Gran Torino“ behandelt nicht nur ebenfalls alle diese Themen auf wunderbar sensible Art und Weise. Dieser Film von 2008 gibt auch noch die endgültige Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Gewalt und Selbstjustiz. Was also hat „The Mule” zu bieten, was uns diese und andere Filme aus Eastwoods langer Karriere nicht schon geboten hätten?
 
Nun zunächst sehen wir Eastwood wieder mal als Schauspieler. Seit seiner großartigen Leistung in „Gran Torino“ ist Eastwood nur einmal als Schauspieler zu sehen gewesen. „Back in the Game“ von 2012 war ein durchwachsenes Drama um einen Vater und seine Tochter, das auch nicht von Eastwood inszeniert wurde. Sein Earl Stone in „The Mule“ ist ein alter Charmeur und Hallodri, dem seine Blumenzucht und die Gesellschaft Fremder immer wichtiger waren als seine eigene Familie. Die Rolle wirkt teilweise wie eine charmantere Version von Walt Kowalski, seiner Rolle aus „Gran Torino“, ebenfalls von Nick Schenk geschrieben. Eastwood spielt diesen Charakter mit einer Mühelosigkeit, die aber auch erkennen lässt, dass er und auch sein Drehbuchautor für diesen Film ihre Komfortzone niemals wirklich verlassen haben.
 
Eastwood ist seit Jahrzehnten vermutlich der effizienteste und verlässlichste Regisseur Hollywoods. Und auch in „The Mule“ liefert die Regie keinen Grund zur Klage. Eastwood ist wohl der einzige der wirklich großen Regisseure der Filmgeschichte, der noch nie auch nur an einem Drehbuch mitgeschrieben hat. Selbst Hitchcock wurde bei einigen seiner Frühwerke als Autor genannt. Es spricht für den Produzenten Eastwood, wenn er sich über viele Jahrzehnte immer wieder hervorragende, ungewöhnliche Drehbücher für seine Projekte ausgesucht hat. Also dürfen wir den größten Fehler des Films wohl dem Produzenten Eastwood anlasten. Denn das Drehbuch ist einfach zu schwach für die starke Leistung des Darstellers und Regisseurs.
 
 
Muy viejo
 
Die grundsätzliche Idee der Geschichte um einen greisen Drogenkurier ist natürlich hochinteressant und bietet enormes Potential. Und natürlich konnte Autor Nick Schenk aus ihm keinen gewöhnlichen Opa machen, auf den zuhause die Frau mit dem Essen wartet. Aber die Ecken und Kanten, die Schenk der Figur des Earl Stone verpasst hat, passen allzu oft einfach nicht zusammen. Die Hauptfigur ist ein schlauer alter Knabe mit einem wachen Verstand. Das erkennen wir an der Art, wie Earl mit Blumenzüchtern, Drogendealern, Polizeibeamten und sogar Polizeihunden umgeht. Wieso also lässt ihn das Drehbuch in einer Szene, die im Jahr 2012 spielt, eine Familie von Afroamerikanern als „Negroes“ (auf Deutsch „Neger“) ansprechen? Walt war in „Gran Torino“ vorsätzlich rassistisch in seiner Wortwahl. Aber Earl sollte viel zu klug sein, um nicht zu wissen, dass diese Bezeichnung seit Jahrzehnten von keinem schwarzen Amerikaner mehr toleriert wird.
 
Noch schlampiger wirkt das Drehbuch bei der Zeichnung der Nebenfiguren. DEA-Agent Colin Bates wird von Bradley Cooper gespielt. Seine erste Szene, im Büro seines Vorgesetzten (Laurence Fishburne) ist witzlos und führt inhaltlich nirgendwohin. In den folgenden Szenen erfahren wir, wie Bates ein Mitglied des Kartells zur Mitarbeit erpresst und dass sein Partner fünf Kinder hat. Sonst erfahren wir über diese Figur nichts. Wir sehen also einen der bekanntesten und profiliertesten Schauspieler unserer Zeit wie er eine Rolle spielt, die ein bloßes Handlungselement darstellt. Ach, gegen Ende des Films vergisst Agent Bates mal seinen Hochzeitstag. Über die Reaktion seiner Ehefrau oder darüber wie sich diese Situation auflöst erfahren wir wieder nichts.
 
Mit seinen Frauenfiguren hat sich Drehbuchautor Schenk auch nicht viel Mühe gegeben. Earls Tochter (gespielt von Eastwoods Tochter Alison) spricht seit zwölf Jahren nicht mit ihrem Vater, weil er statt bei ihrer Hochzeit bei dem Jahrestreffen seines Blumenzüchterverbands war. Und das Talent der großartigen Diane Wiest wird in der Rolle von Earls Exfrau komplett verschwendet. Diese Frau muss ihrem Exmann, selbst Jahrzehnte nach der Scheidung, gleich mit Vorwürfen überschütten und so der Enkelin eine Party verderben. Und auch die von Taissa Farmiga gespielte Enkelin zeigt bei der ersten Gelegenheit keinerlei Verständnis für den alten Mann. In der Welt, wie Drehbuchautor Schenk sie sieht, machen Frauen vor allem Vorwürfe.
 
Da wundert es einen dann auch nicht mehr, wenn sämtliche Latinos in diesem Film nicht als echte Charaktere, sondern nur als wandelnde Klischees gezeigt werden. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird das Gegenüber mit der Waffe bedroht. Wenn es sein muss, bringt man sich auch gegenseitig um. Ansonsten interessieren sich diese Leute nur für Drogen, Geld und Nutten. Andy Garcia darf als Boss des Kartells zum Beispiel Zigarre rauchen, Leute bedrohen, sich an jungen Frauen in Bikinis reiben und mit einer goldenen Flinte schießen. Sonst bekommt er nicht viel zu tun.
 
Als Drama taugt „The Mule“ also nur bedingt. Als Krimi ist der Film aber noch schwächer. Die Ermittler der DEA haben zum Beispiel bis zum Schluss keine Ahnung, dass der gesuchte Drogenkurier ein alter Mann ist. Woher sollten sie das auch wissen, wenn dieser Kurier in allen abgehörten Gesprächen immer nur „tata“ oder „viejo“ genannt wird? „tata“ bedeutet auf Spanisch übrigens „Papa“ oder Opa“, während „viejo“, je nach Zusammenhang, „alt“ oder „betagt“ bedeuten kann.
 
Das erste Zusammentreffen zwischen Earl und dem DEA-Agenten erschöpft sich im Austausch von Allgemeinplätzen über die Wichtigkeit der Familie. Das zweite Aufeinandertreffen der beiden Hauptfiguren ist noch unergiebiger und viel zu schnell vorbei. Und die Szene im Gerichtssaal ist so schlecht geschrieben, dass sie uns emotional unberührt lässt. Wenn einem die knapp zwei Stunden Laufzeit nicht allzu lange vorkommen, dann ist das nur Eastwoods Regie zu verdanken.
 
 
Fazit
 
Clint Eastwood macht wieder mal was er am besten kann und wovon wir alle wissen, wie gut er es kann. So ist der Film trotz seines schwachen Drehbuchs natürlich nicht komplett misslungen. Im Vergleich zu Meisterwerken wie „Million Dollar Baby“ und „Gran Torino“ fällt „The Mule“ aber deutlich schwächer aus.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Clint Eastwood
  • Drehbuch: Nick Schenk
  • Besetzung: Clint Eastwood, Dianne Wiest
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