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Willkommen in Marwen - Kinostart: 28.03.2019

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Robert Zemeckis ist einer der besten Regisseure, wenn es darum geht fantastische ...
 
... Geschichten mit moderner Filmtechnik glaubwürdig auf die Leinwand zu bringen. Und Steve Carrell ist einer der besten Schauspieler, wenn es darum geht verschrobene Charaktere sympathisch darzustellen. Was kann bei einer Zusammenarbeit dieser beiden Künstler schon schiefgehen?
 
Kuhlateralschaden
 
Ein amerikanischer Jagdflieger wird im zweiten Weltkrieg über Belgien abgeschossen. Nach der Bruchlandung fangen Cap’n Hogies Stiefel Feuer und er muss in einem paar hochhakiger Damenpumps weitermarschieren, die er gar nicht unbequem findet. Deutsche Soldaten überraschen ihn und wollen ihn wegen seiner Damenschuhe zusammenschlagen. Aber eine Gruppe schwerbewaffneter, attraktiver junger Frauen kann die Nazis ausschalten.
 
Diese ganze Sequenz und noch viel mehr hat Mark Hogencamp auf seinem kleinen Grundstück mit Puppen, Modellen und Miniaturgebäuden nachgestellt. In liebevoller Kleinarbeit baut er diese Szenen auf, um sie fotografisch festzuhalten. Mark war einmal ein begabter Grafiker. Aber nachdem er von fünf Männern brutal zusammengeschlagen wurde, kann er sich kaum noch an sein früheres Leben erinnern und auch nicht mehr zeichnen. Seinen Schmerz, seine Einsamkeit und seine Sexualität verarbeitet er in den Geschichten die er in dem von ihm erfundenen und erbauten Dorf „Marwen“ während des zweiten Weltkriegs nachstellt.
 
Erstklassige Filmkritiker (und für cinepreview.de schreiben nur solche) sehen sich jeden einzelnen Film immer völlig unvoreingenommen an. Unabhängig von der Geschichte, Vorlieben für die Mitwirkenden oder das Filmgenre wird jeder Film völlig neutral und sachlich bewertet. Persönliche Präferenzen haben hier keinen Platz, so wie Eltern immer alle ihre Kinder gleich behandeln. Ich kann das beurteilen, weil ich sowohl Kritiker als auch Vater zweier Töchter bin und meine geliebte Tochter Sarah nie anders behandeln, beurteilen oder wahrnehmen würde als die andere, …, die jüngere, … die irgendwie anders als Sarah heißt.
 
Als ich also zur Pressevorführung von „Willkommen in Marwen“ ging war ich schon freudig gespannt. Robert Zemeckis ist sowohl in technischer als auch kreativer Hinsicht einer der unterschätzten Regisseure unserer Zeit. In „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ hat er nicht nur für die damalige Zeit verblüffende Tricks geschaffen, um eine Vielzahl von Cartoon-Figuren in einem der originellsten Filme seiner Art mit echten Schauspielern interagieren zu lassen. In „Forrest Gump“ hat er Tom Hanks quer durch die amerikanische Nachkriegsgeschichte laufen und dabei auf einige der wichtigsten Männer seiner Zeit treffen lassen. Und den meisten Kinofans wird gar nicht bewusst sein, mit was für einer tricktechnischen Meisterleistung er sein großartiges Drama „Flight“ eingeleitet hat.
 
Und die im „Motion Capture“-Verfahren hergestellten Sequenzen in denen die Puppen von „Marwen“ ihre fantastischen Abenteuer im zweiten Weltkrieg erleben sind auch gar zu schön anzusehen. In einer Zeit in der wir uns bereits daran gewöhnt haben, immer die gleiche Art computergenerierter Bilder im Film zu sehen, ist der spielerische Look dieser Szenen eine erfrischende Abwechslung im ewigen Blockbuster-Einerlei.
 
Es sind die in der Realität spielenden Szenen, die es schwierig machen, diesen Film positiv zu bewerten. Zunächst begeht Zemeckis hier einen schweren Fehler den er bereits einmal begangen hat. 2015 brachte Zemeckis sein Drama „The Walk“ in die Kinos. Darin spielte Joseph Gordon-Levitt den Drahtseilartisten Philippe Petit, der 1974 in einer Höhe von 417 Metern auf einem Seil von einem Turm des World Trade Centers zum anderen marschiert ist. Diese Geschichte wurde aber bereits 2008 in der großartigen und spannenden Dokumentation „Man on Wire“ sehr viel besser erzählt. Und über den echten Mark Hogencamp und seine fantastische Stadt wurde bereits 2010 die faszinierende Dokumentation „Marwencol“ veröffentlicht (beide Dokumentationen kann ich übrigens jedem Leser nur wärmstens empfehlen).
 
 
Liebe den Schmerz
 
Wenn man also die wahre Geschichte des echten Mark Hogencamp kennt, kommt einem die Hollywood-Version daneben reichlich blass und nichtssagend vor. Vor allem weil Drehbuch und Regie dem Hauptdarsteller nicht viel zu tun geben. Steve Carrell spielt Hogencamp entweder grinsend oder angsterfüllt. Wir erfahren aus dem Dialog über seinen Gedächtnisverlust. Aber der Film lässt uns im Unklaren wie sehr die geistigen und sozialen Fähigkeiten der Hauptfigur durch sein Trauma eingeschränkt wurden. So lernen wir den Helden einfach nicht richtig kennen.
 
Weil es in einem Hollywoodfilm auch immer eine Romanze braucht, muss sich Mark hoffnungslos in die neue Nachbarin Nicol (Leslie Mann) verlieben. Diese Nicht-Liebesgeschichte ist so furchtbar schlecht ausgearbeitet, dass man in manchen Szenen mehr Mitleid mit dem Darsteller Carrell haben muss als mit der Figur des Mark. Vor allem die Rolle der Nicol ist einfach nur dumm geschrieben. Leslie Manns Figur in „Jungfrau (40) männlich, sucht …“ war intelligenter und hatte eine bessere Auffassungsgabe als die von ihr gespielte Nicol in „Willkommen in Marwen“.
 
Wenn der Film am Ende vermitteln will, das man auch mit einer „zweiten Wahl“ glücklich werden kann wirkt das eher zynisch als romantisch und hoffnungsvoll. Hier macht es sich Zemeckis viel zu leicht, genau wie bei Marks Drogenabhängigkeit. Dieser Handlungsfaden ist zunächst gar nicht schlecht gesponnen, wird aber dann viel zu schnell abgeschnitten. Offensichtlich kann man von einer Medikamentensucht loskommen indem man die Pillen in den Ausguss schüttet und dann mal richtig ausschläft. Eine Szene vor Gericht wird während des ganzen Films groß aufgebaut und fällt am Ende leider ein bisschen zu langweilig aus.
 
Wenigstens waren wir in dem Krieg die Guten
 
All diese Fehler und noch viele mehr schwächen einen Film der mit Leichtigkeit so viel besser hätte sein können. Warum verschwendet man wertvolle Zeit mit einer langweiligen und vorhersehbaren Liebesgeschichte, wenn man sich mit Marks Schuhfetisch beschäftigen hätte können? Warum lässt man die Frage, warum Marks Geschichten zur Zeit des Zweiten Weltkriegs spielen nach bloß einer Zeile Dialog gleich wieder fallen? Warum vermittelt uns Zemeckis kein Gefühl für Marks Einsamkeit? In fast allen seinen Szenen ist er in Gesellschaft wohlmeinender Menschen zu sehen.
 
Wie sollen wir auf die Art seine Einsamkeit erfahren? Warum lässt man die Hauptfigur immer nur über ihren Schmerz sprechen, aber dann meistens zufrieden lächelnd durch die Gegend laufen?
 
Ein dermaßen unausgereiftes Drehbuch gibt den Darstellern nichts, womit sie arbeiten können. Und so wirken Carrell und die verschiedenen weiblichen Darstellerinnen nur in ihren Szenen als Puppen wirklich lebendig. Einige der Darstellerinnen wie etwa Diane Kruger sind sogar nur als Puppen zu sehen.
 
 
Fazit
 
Dieser Film hätte in seinen Realfilmszenen sehr viel ernster und finsterer und in seinen Fantasieszenen noch abgedrehter sein müssen. So steht der wunderbare Look der Puppenszenen ganz für sich alleine da.
 
 
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Robert Zemeckis
  • Drehbuch: Caroline Thompson
  • Besetzung: Steve Carell, Diane Kruger
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