deensvtr

Edison: Ein Leben voller Licht - Kinostart: 23.07.2020

Artikel bewerten
(12 Stimmen)
Benedict Cumberbatch spielt Thomas Edison und Michael Shannon spielt ...
 
... George Westinghouse in diesem Film über die Auseinandersetzung, welche Stromspannung im späten 19. Jahrhundert Standard werden sollte. Für Licht und Spannung sollte also gesorgt sein …
 
Gleichstrom oder Wechselstrom?
 
1880 ist Thomas Alva Edison bereits als genialer Erfinder bekannt. Entsprechend exzentrisch ist sein Verhalten. Seinen Geldgeber J. P. Morgan behandelt er in Anwesenheit des amerikanischen Präsidenten von oben herab. Eine freundliche Einladung des mindestens ebenso erfolgreichen Erfinders und Industriellen George Westinghouse nimmt er einfach nicht wahr. Nachdem Westinghouse die Elektrifizierung amerikanischer Großstädte mit Wechselstrom vorantreiben will und Edison vehement den Einsatz von Gleichstrom fordert, werden die beiden Genies zu Rivalen ...
 
So wie Thomas Edison ein ganz besonderer Mann mit vielen Problemen war, so ist „Edison – Ein Leben voller Licht“ ein ganz besonderer Film mit vielen Problemen. (Der Originaltitel „The Current War“ ist übrigens ein interessantes Wortspiel mit dem Begriff „current“, der im Englischen sowohl „aktuell“ als auch „Strom“ oder „Stromstärke“ bedeutet). Deutlich werden die Probleme dieses Films bereits in einer seiner ersten großen Szenen:
 
Wir haben zuvor in vielen Dialogzeilen Edisons nächstes Projekt, die Beleuchtung eines Häuserblocks in Ney York City, erklärt bekommen. Ein weiterer Dialog zwischen Edison und seinem Assistenten (Tom Holland) soll für Spannung sorgen. Edison selbst steuert dann nochmal die Erwartungshaltung wenn er vor Publikum in Aussicht stellt, der Versuch würde vermutlich scheitern. Dann wird ein Schalter umgelegt und … was wir zu sehen bekommen ist leider nicht besonders beeindruckend. Klar, es gehen Lichter an. Aber eindrucksvoll ist das was wir auf der Leinwand zu sehen bekommen nicht wirklich. Dass sich der Film kaum Zeit nimmt, die Reaktion der Protagonisten zu zeigen, ist auch nicht hilfreich.
 
Fehler wie diese wiegen schwer in einem Film, dessen Hauptthema „Licht“ ist und der zum größten Teil ganz wunderbar aussieht. Der Kontrast zwischen der, damals noch recht schwachen künstlichen Beleuchtung und dem klaren Licht unter freien Himmel, wird in einzelnen Szenen wunderbar vermittelt. Auch andere Teile der visuellen Gestaltung sind hervorragend gelungen. Computergenerierte Bilder fügen sich nahtlos und stimmig ins Gesamtbild ein. Der Film ist über weite Strecken hervorragend montiert.
 
Glühbirne und Phonograph
 
Aber schon die Kameraarbeit fällt teilweise fragwürdig aus. In einigen Szenen ergeben die, im wahrsten Sinne des Wortes „schrägen“ Bildausschnitte durchaus Sinn. Aber warum in vergleichsweise ruhigen Dialogszenen die Protagonisten immer wieder schräg im Bild sitzen oder stehen, mag sich dem Betrachter oft genug nicht erschließen. Der Film selbst ist leider meistens nicht halb so dramatisch wie seine visuelle Gestaltung. Und auch die Musik klingt oft viel dramatischer als das was auf der Leinwand zu sehen ist.
 
Wenn die visuelle und musikalische Gestaltung des Films schon recht unausgewogen ausfallen, lassen ihn Drehbuch und Regie fast völlig kippen. Autor Michael Mitnick („Hüter der Erinnerung“) hat viel zu viel in sein Drehbuch gepackt. Und Regisseur Alfonso Gomez-Rejon („Glee“, „American Horror Story“) nimmt sich für kaum etwas davon Zeit. Thomas Edisons geniale Geschäftspraktiken gäben Stoff für einen eigenen Film ab. Seine erste Ehe gäbe Stoff für einen eigenen Film ab. Westinghouse‘ Leben gäbe Stoff für einen eigenen Film ab. Nikola Teslas Leben gab schon mal Stoff für einen eigenen Film ab und zwar 1980 für den großartigen aber leider vergessenen „Das Geheimnis des Nikola Tesla“.
 
 
Aber hier bekommen wir von allem ein bisschen und nichts richtig gezeigt. Im Film wird über Edisons Genie gesprochen, aber meist stellt sich die Hauptperson eher dumm an. Edisons Frau stirbt, aber ihr Tod lässt uns kalt, weil wir sie in den wenigen Szenen zuvor kaum kennengelernt hatten. Über den Menschen Westinghouse erfahren wir praktisch nichts, bekommen aber immer wieder Rückblenden an ein einziges Erlebnis im Sezessionskrieg gezeigt, das am Ende ohne Bedeutung für die Handlung bleibt. Die Figur des Nikola Tesla ist so wenig ausgearbeitet, sie wirkt wie ein nachträglicher Einfall zum Film.
 
„Edison – Ein Leben voll Licht“ hat also kaum Zeit für seine Figuren und ihre Geschichten. Der Film zeigt teilweise wunderschöne Bilder, aber in Szenen in denen es auf die Bilder ankäme fehlt ihm dafür auch oft die Zeit. Wofür der Film jede Menge Zeit hat, das sind Dialoge. Es wird viel Dialog gesprochen in diesem Film. Und nur wenig davon ist gelungen. Wenn Edison bei Verhandlungen mit seinem Geldgeber sagt, „Gegenangebot: Ich gebe ihnen nicht was sie wollen, aber sie geben mir alles was ich will.“ wartet man auf die Pointe. Und zwar vergeblich, den Autor Mitnick hält Edisons Satz schon für witzig und originell.
 
An anderer Stelle lässt Mitnick seine Hauptperson wörtlich fragen, was er denn verloren habe, nur damit eine arg konstruierte und leider traurige Pointe folgen kann. Auch andere Pointen lassen jede Leichtigkeit vermissen. Wenn eine Figur meint, es würde nie wieder etwas den Namen „Tesla“ tragen, stellt sich die Frage, ob dieser müde Scherz die Anstrengung wert war. Auch die visuellen Pointen lassen viel Mühe erkennen. Eine Geste mit einem Messer wirkt gestelzt. Ebenso die Szene in der ein Richter seinem Zeugen Feuer für die Zigarre gibt. Und vielleicht hat man tatsächlich auf dem Rücken eines Verurteilten Autogramme geschrieben. Trotzdem wirkt das Bild zu bemüht.
 
Den Abschluss des Films bildet eine Auseinandersetzung um die Beleuchtung der Weltausstellung in Chicago. Ich schreibe „Abschluss des Films“ und nicht „Höhepunkt“, weil diese Auseinandersetzung in keiner Szene spannend wird. Danach folgt eine längere Dialogszene um eine „13-Stunden-Glühbirne“. Diese besondere Glühbirne war für die beiden Hauptfiguren seit langer Zeit von so großer Bedeutung, dass sie während der vorangegangenen 97 Minuten des Films kein einziges Mal erwähnt wurde. Es wirkt, als wollten Autor und Regisseur am Ende noch schnell diese eine weitere Idee loswerden, egal ob sie noch in den Film passt oder nicht.
 
Kinetoskop und Kinetograph
 
Benedict Cumberbatch spielt nach Stephen Hawking, Julian Assange, Sherlock Holmes, dem Code-Knacker Alan Turing, “Doctor Strange” und Khan aus “Star Trek” mal wieder ein exzentrisches Genie. Und weil er schon so viele exzentrische Genies gespielt hat, sollten wir vielleicht Nachsicht haben wenn ihm diesmal praktisch nichts Neues zur Gestaltung seiner Rolle eingefallen ist.
 
So unausgewogen wie der ganze Film sind auch die Leistungen der Hauptdarsteller. Michael Shannon („Take Shelter“, „Shape of Water“) liefert eine auf unaufgeregte Weise geniale Darstellung ab. Sein Westinghouse vermittelt mit einem Blick mehr als Cumberbatchs Edison mit zwölf Seiten Dialog. Man muss diesen Film nur wegen Michael Shannon gesehen haben, der sich damit endgültig als einer der großen Charakterdarsteller unserer Zeit empfiehlt.
 
„Spider-Man“ Tom Holland darf als Edisons Assistent Stichworte geben und die Handlung kommentieren. Aber nicht nur sein Talent wird verschwendet. Nicholas Hoult (bekannt als „Beast“ aus den neueren „X-Men“-Filmen) darf Nikola Tesla als verwirrten Gecken spielen. Sechs seiner sieben Szenen tragen praktisch nichts zur Handlung bei. Der Rest der Nebendarsteller ist komplett austauschbar.
 
 
Fazit
 
Dieser Film bietet viel Licht, aber auch Schatten. Spannung kommt trotz der hohen Amperezahl leider kaum jemals auf.
 
 
Unterstütze CinePreview.DE:
                                                                                                                                        
 
 

Ähnliche Kritiken

Die dunkelste Stunde Winston Churchill war einer der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts.   Er war auch ein Mann voller Widersprüche. Gary Oldman lässt diesen Mann nun lebendig werden.   We shall fight on the beaches …   Erst vor wenigen Monaten konnten wir Christopher Nol...
Bleed for this Autor und Regisseur Ben Younger fühlte sich von Vinny Pazienzas Geschichte angesprochen.   Weil es nicht die typische Geschichte eines Boxers ist, sondern weil es vielmehr die inspirierende Geschichte eines Mannes ist, der im Grunde alles verloren hat, aber einfach nicht aufgab. Und: ...
Stan und Ollie - Kinostart: 09.05.2019 Sie waren wohl das größte Komiker-Duo, das es in der Filmgeschichte jemals gegeben hat.   Stan Laurel und Oliver Hardy, die hierzulande immer etwas despektierlich als „Dick und Doof“ bezeichnet wurden. Eine filmische Biographie war eigentlich längst überf&au...
Unser Team - Kinostart: 28.03.2019 Als das Flugzeug mit der Mannschaft des brasilianischen Flussballclubs Chapecoense ...   ... 2016 abgestürzt ist, war das ein furchtbarer Schicksalsschlag für die Hinterbliebenen, die wenigen Überlebenden, den Verein und seine Heimatstadt Chapecó. Die Brüder Micha...

Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Derrick Borte
  • Drehbuch: Michael Mitnick
  • Besetzung: Benedict Cumberbatch, Tom Holland
ij5 hnews
Das fünfte Abenteuer des berühmten Archäologen, genannt Indiana Jones, ist laut den Branchenblättern Variety und Hollywood Reporter erneut verschoben…
hnews corona
Geschlossene Kinosäle, abgebrochene Drehs und Stars in Quarantäne. In Hollywood sorgt das Coronavirus für Chaos und könnte weitreichende…
hnews be bond25
Die fünffache GRAMMY®-Gewinnerin Billie Eilish hat heute ihren neuesten Song „No Time To Die“, den offiziellen Titelsong des kommenden…
hnews oscars020
In der Nacht vom 09. auf den 10. Februar fand 2020 etwas früher als sonst die Verleihung der Oscars in Los Angeles statt. Der südkoreanischen Film…
hnews gg2020
Am 06. Januar 2020 fand in Los Angeles die 77. Verleihung der Golden Globes statt. Moderiert wurde die Veranstaltung bereits zum fünften Mal von…
hnews dpstart
Disney+, der mit Spannung erwartete Streaming-Service der Walt Disney Company, ist am 12. Novenber 2019 in den USA, in Kanada und den Niederlanden…
hnews gman wsmith
Am 25. September 2019 feierte Superstar Will Smith vor der grandiosen Kulisse des Budapester Burgpalasts nicht nur seinen 51. Geburtstag. Anlass für…
d23019 mag header
Am 24. und 25. August 2019 präsentierten die Walt Disney Studios bei der D23 Expo 2019 im kalifornischen Anaheim den nahezu 7000 Fans Star-gespickte…
hnews 007ds
Die James Bond Produzenten, Michael G. Wilson und Barbara Broccoli, haben heute den offiziellen Titel des 25. James Bond Abenteuers NO TIME TO DIE…
hnews marvel
Neuigkeiten aus dem Marvel Cinematic Universe: Der Siegeszug von AVENGERS: ENDGAME an den weltweiten Kinokassen ist bis heute nicht aufzuhalten. Am…
hbss hnews
Mit „Rocky“ und „Rambo“ avancierte er zur Actionlegende und auch vier Jahrzehnte nach seinem Durchbruch gehört er noch lange nicht zum alten Eisen:…
wss hnews
Das erste Filmfoto von Oscar®-Gewinner Steven Spielbergs WEST SIDE STORY wurde veröffentlicht. Die Adaption des Original Broadway Musicals WEST SIDE…
traffikant hnews
"Der Trafikant": Bruno Ganz' letzter Film feiert seine Los Angeles Premiere auf dem Jüdischen Filmfestival Es sollte seine letzte Rolle werden: Bruno…
hnews pa bond25
Die James-Bond-Produzenten, Michael G. Wilson und Barbara Broccoli, haben am 25. April 2019 angekündigt, dass die Dreharbeiten zum 25. offiziellen…
swc hnews
Greg Pak und Phil Noto werden ab Juli die monatliche Comic-Kernserie übernehmen. Auf der diesjährigen Star Wars Celebration wurden Details zu der…