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Die gute Fee - Disney+-Start: 04.12.2020

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In Disneys neuestem Weihnachtsfilm erfährt eine alleinerziehende ...
 
... Mutter Hilfe von einer guten Fee. Dabei hätte der Film selbst die Hilfe einer guten Fee brauchen können. Oder auf jeden Fall irgendwelche Hilfe …
 
Die Formel …
 
Im Mutterland der Feen geht alles seinen gewohnten Gang. Feen-Schülerin Eleanor ist die fleißigste in ihrer Klasse. Und das obwohl dort seit langer Zeit immer nur wieder und wieder die alte Formel wiederholt wird, nach der den gewöhnlichen Sterblichen zum Glück verholfen werden soll. Tatsächlich geholfen wurde aber seit langer Zeit niemandem mehr. Eleanor will das ändern und als ihr der Brief eines kleinen Mädchens in die Hände fällt, gibt es für sie kein Halten mehr. Dumm nur, dass der Brief schon vor langer Zeit geschrieben wurde und das kleine Mädchen mittlerweile eine erwachsene Frau ist …
 
Die Geschichte, die sich die Autorinnen Kari Granlund („Susi und Strolch“ aber die Version von 2019) und Melissa Stack („Die Schadenfreundinnen“) ausgedacht haben, ist so formelhaft, an einer Stelle kürzt sogar die erfahrene Fee, die das Ganze am Anfang und am Ende aus dem Off kommentiert, ihre Erläuterungen mit einem „blablabla“ ab, weil wir alle den Rest kennen. Aber eine formelhafte Geschichte kann trotzdem unterhaltsam sein. Was ist also bei „Godmothered“ (irgendjemand bei Disney Germany kassiert tatsächlich Geld dafür, sich den ebenso originellen wie witzigen deutschen Titel „Die gute Fee“ ausgedacht zu haben) schiefgelaufen?
 
Das Drehbuch ist formelhaft und schwach. Aber es enthält ein oder zwei nette Ideen und einige witzige kleine Gags und an der ganzen Story ist nichts wirklich verkehrt. Einzelne Dialoge sind wirklich lustig, etwa wenn die junge Fee die alte erfahrene Fee fragt, ob diese ein Geheimnis bewahren kann und diese antwortet „Ich BIN ein Geheimnis“. Es gibt ausreichend unterhaltsame Nebenfiguren. Die Szene mit einer LKW-Fahrerin ist so gut, dass man diese Figuren nicht wegfahren lassen möchte. Und der inkompetente, selbstverliebte Vorgesetzte der Heldin ist für ein paar Einsichten in die moderne Medienlandschaft gut. Grundsätzlich fehlt dem Drehbuch nichts, was ein guter „Script Doctor“ nicht kuriert hätte.
 
Leider hat man bei Disney darauf verzichtet, das Buch vor Beginn der Dreharbeiten nochmal von einem erfahrenen Profi überarbeiten zu lassen. Und so haben die Autorinnen der alleinerziehenden Mutter zwar eine hilfsbereite Schwester zur Seite geschrieben, dann aber vergessen haben, diese Figur mit einer eigenen Geschichte oder einer Persönlichkeit oder wenigstens ein paar Charakterzügen auszustatten. Die Figur der Schwester ist so nichtssagend und frei von Eigenschaften, ich weiß nicht, ob ich ihren Namen vergessen habe oder ob er tatsächlich nie erwähnt wurde. Sie ist tatsächlich kaum mehr als ein Stück Ausstattung mit vier Zeilen Text.
 
Aber vielleicht haben die Autorinnen Granlund und Stack gar nicht vergessen, die Figur der Schwester fertig zu schreiben. Vielleicht ist es auch nicht die Schuld der Autorinnen, wenn Nebenhandlungen über weite Strecken des Films nicht mehr stattfinden und man sie als Zuseher irgendwann vergessen hat. Ich halte mich für recht aufmerksam, wenn es um Filme geht. Aber irgendwann dachte ich bei mir, „Ach ja, die Tochter hatte ja irgendwann ein Vorsingen an der Schule. Darum geht’s nun also wieder.“
 
Vielleicht ist es auch nicht die Schuld der Autorinnen, wenn das „Finale“ dieses Films nicht einfach nur stinklangweilig und frei von jedem Höhepunkt ausfällt. Dieses Finale wird von den handelnden Figuren einfach komplett totgeredet. Ich habe schon Agatha-Christie-Verfilmungen gesehen, in denen am Ende die vorangegangene Handlung nicht so ausführlich erklärt wird wie hier. Am Ende von „Mord im Orient-Express“ erklärt Albert Finney 27 Minuten lang, wie sich das Verbrechen zugetragen hat. Trotzdem behaupte ich, er hat nicht so viel Dialog gesprochen wie die Protagonisten von „Die gute Fee“ am Ende dieses Films.
 
 
My favorite things
 
Aber warum vermute ich, die Schuld dafür könnte nicht oder nicht ausschließlich bei den Autorinnen liegen? Weil die Regie von Sharon Maguire zum Schlechtesten gehört, was wir seit langem gesehen haben. Bei der Recherche zu dieser Rezension musste ich feststellen, bisher keinen einzigen von Sharon Maguire inszenierten Film gesehen zu haben. Ich habe weder „Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück“ noch „Bridget Jones‘ Baby“ gesehen, weil ich beide weniger als Filme sondern eher als Mittel gegen Regelbeschwerden betrachte. Ich habe auch „Blown Apart“ mit Michelle Williams und Ewan McGregor nicht gesehen, weil praktisch niemand diesen Film gesehen hat (Worldwide Gross $304,127 und ist es nicht reizend, wenn man das Einspielergebnis eines Zehn-Millionen-Dollar-Films auf 7 Dollar genau kennt?).
 
Ich kann daher nicht sagen, ob Sharon Maguire immer schon eine furchtbar schlechte Regisseurin war oder einfach nur hier versagt hat. Versagt hat sie definitiv. In diesem Film zeigt die Regie nicht eine einzige gute Idee. Hier ist nicht eine einzige richtige Entscheidung zu erkennen. Es ist nicht erkennbar, ob Maguire es nicht besser kann oder einfach keinen Bock hatte.
 
Maguires Inszenierung ist stinklangweilig. Gelegenheiten für Gags werden regemäßig nicht genutzt. In diesem Film spielt June Squibb („Nebraska“) eine alte erfahrene Fee. Diese Darstellerin ist ihr Gewicht in Gold wert. Jeder Filmemacher, der diese Frau in seinem Film hat, lässt für sie sinnvollerweise zusätzliche Szenen schreiben. Sharon Maguire weiß mit der großartigen Ausstrahlung und dem genialen Comedy-Talent von June Squibb rein gar nichts anzufangen und gibt ihr daher kaum mehr zu tun als den Off-Text am Anfang und Ende des Films zu sprechen. Wenn Sharon Maguire in ein Sterne-Restaurant eingeladen wird, begnügt sie sich vermutlich ohne einen Blick in die Karte zu werfen mit den Brotstangen am Tisch und meint dann, gut gegessen zu haben.
 
Jeder Gag ist vorhersehbar und wird minutenlang angekündigt. In einer Szene spielt die unerfahrene Fee zum ersten Mal Pool-Billard. Man sieht sie minutenlang mit dem Queue herumhantieren. Eine der Nebenfiguren mahnt sie zur Vorsicht. Dann folgt ein Schnitt zum Dialog zweier anderer Figuren. Schnitt zurück zur Fee, die noch immer mit dem Queue herumfuchtelt und dabei offensichtlich zum ersten Mal Bier trinkt. Schnitt zum Dialog der anderen Figuren. Schnitt zurück. Die Fee trinkt mittlerweile klaren Schnaps, die Nebenfigur versucht sie noch einmal zu warnen, bückt sich beim Arrangieren der Kugeln aber soweit runter, dass ihr Kopf auf gleicher Höhe mit der Tischplatte ist. Noch ein Schnitt zum Dialog und wieder zurück und so weiter und so fort und soll es auf die Art noch irgendjemand witzig finden, wenn die Fee der Nebenfigur endlich eine Billardkugel an den Kopf schießt?
 
In einer Szene dekoriert die Familie zum ersten Mal seit einer Tragödie das Haus wieder mit Weihnachtsbeleuchtung. Regisseurin Maguire schafft es nicht, den Moment in dem die Beleuchtung eingeschaltet wird, irgendwie besonders zu gestalten. Das Licht geht an und es sieht nicht schön aus, nicht magisch, nicht weihnachtlich, nicht einmal irgendwie besonders. Ein Getränkehersteller zeigt uns im Werbefernsehen seit Jahrzehnten, wie man Weihnachtsbeleuchtung richtig in Szene gesetzt. Aber Sharon Maguire trinkt wohl eher Pepsi.
 
Seit Jahrzehnten lassen Filmemacher in ihren Filmen Steppenwolf’s „Born to be Wild“ aus „Easy Rider“ erklingen. Das war zwar höchstens in „Flashback“ mit Dennis Hopper gerechtfertigt, trotzdem haben wir dieses Lied in den letzten fünfzig Jahren in Dutzenden Filmen gehört. Aber noch nie wurde dieser Song so unpassend eingesetzt wie in „Die gute Fee“. Das Lied passt inhaltlich nicht zur Szene. Es passt dramaturgisch nicht. Der Rhythmus der Musik passt nicht zu den gezeigten Einstellungen. Und die Szene ist zu dem Lied auch noch falsch geschnitten. Nichts daran ergibt Sinn.
 
Unter dieser inkompetenten Regie gibt es für die Darsteller nichts zu gewinnen. Die wunderbare Isla Fisher („Shopaholic“) schlägt sich tapfer. Aber am Ende ist es uns wirklich gleichgültig, wie und ob sie ihr Glück findet.
 
Jillian Bell („Girls‘ Night Out“) finden wir als verwirrte Fee zuerst nett, aber irgendwann fängt sie an, anstrengend zu wirken. Im dritten Akt droht ihr die erzwungene Rückkehr ins Feenreich und wir möchten sie bloß noch gehen sehen. Jane Curtin („Hinterm Mond gleich links“) war eine Legende bei „Saturday Night Live“, der berühmtesten Sketch-Show der Welt. Stephnie Weir’s Parodien bei „Madtv“ gehören zum Besten, was dieses Format zu bieten hatte. Beide bekommen in diesem Film praktisch nichts zu tun.
 
 
Fazit
 
Gute Darsteller und ein passables Drehbuch hätten eine gute Fee oder wenigstens eine kompetente Regie brauchen können. So reicht es bloß zu einem unterdurchschnittlichen, formelhaften Weihnachtsfilm.
 
 
Link zum Film >> dplus b
 
 

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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Sharon Maguire
  • Drehbuch: Kari Granlund
  • Besetzung: Isla Fisher, Jillian Bell