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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull - Kinostart: 02.09.2021

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Brauchen wir wirklich eine weitere Verfilmung eines Literatur-Klassikers?
 
Und wie werkgetreu kann so ein Film sein, wenn er trotzdem modern und unterhaltsam sein soll?
 
Welch herrliche Gabe ist nicht die Fantasie, …
 
Felix Krull, ein junger Mann aus „feinbürgerlichem, wenn auch liederlichem Hause“ muss nach dem Tod des Vaters zusehen wo er bleibt. Weil er sich für etwas Besseres hält, mag er die um das Jahr 1900 geltenden Regeln und Moralvorstellungen nicht für sich gelten lassen. Er schwindelt, stiehlt und betrügt, hintergeht und täuscht und meint dabei, immer Gentleman zu bleiben. Im Zuge dieser Abenteuer lernen der junge Mann und das Publikum viel über das Leben und die Liebe …
 
Obwohl von Thomas Mann verfasst, kennt heute kaum jemand mehr als den Namen des Romans „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. In der Schule bekommt man das Buch kaum zu lesen. Dabei ist es nicht so dick wie „Buddenbrooks“. Aber wie beim „Zauberberg“ stellen die Schüler vielleicht Fragen, die kein Lehrer beantworten will. Und wie „Der Tod in Venedig“ ist es auch noch aus anderen Gründen heikel. Da liest man in der Schule lieber „Lotte in Weimar“, das den Vorteil hat, dass es keinen Menschen interessiert, der nach 1900 geboren wurde.
 
Vielleicht schaffen es Regisseur und Co-Autor Detlev Buck („Rubbeldiekatz“, „Wuff“) und Autor Daniel Kehlmann (dessen „Die Vermessung der Welt“ Buck auch verfilmt hat), den „Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull“ wieder einen Teil der Popularität zu verschaffen, die sie vor vielen Jahrzehnten genossen haben. Denn ihre Verfilmung wäre dazu geeignet. Dieser neue Film ist in vielerlei Hinsicht im besten Sinne altmodisch. Trotzdem sind seine Hauptfiguren moderner denn je. Auf den aufmerksamen Betrachter und Zuhörer wartet hier ein ganz besonderes Filmerlebnis.
 
Aufmerksam zuhören muss das Publikum schon mal deshalb, weil Buck und Kehlmann die wunderschöne, gewählte Ausdrucksweise Felix‘ und seiner Zeitgenossen kaum modernisiert haben. Der Held wird in einer erotisch aufgeladenen Situation als „kühner Knecht“ bezeichnet und antwortet „Wollte Gott, meine Zeit erlaubte mir, den Dingen diese Deutung zu geben“. In einer Zeit, in der man sich bei deutschen Erfolgsfilmen an Zitate erinnert wie „Hefte raus, Klassenarbeit, ihr Opfer!“ oder „Chantal, heul leiser!“, zeigen die Macher dieses Films Mut, dem Publikum sprachlich nicht entgegen zu kommen.
 
 
Dabei bedienen sich Buck und Kehlmann der Sprache, der Figuren und der Situationen der Vorlage, wissen aber andererseits genau, was man 2021 besser weglässt. Und sie wissen auch, was es 2021 zusätzlich braucht. Der wertvollste Beitrag der beiden Autoren ist sicher die Figur der Zaza. Sie ist eine moderne, selbstbestimmte Frau in einer Geschichte, die im Jahr 1900 spielt. Dabei ist sie niemals ein Fremdkörper und wirkt stets als wäre sie immer schon ein wichtiger Teil dieser Geschichte gewesen. So spricht diese Figur auch einige der wichtigsten Sätze des Films und das doch immer in der Sprache der Vorlage.
 
Aber das Publikum sollte nicht nur zuhören sondern auch aufmerksam zusehen. Denn zu sehen gibt es einiges. Ohne das Budget großer Hollywood-Produktionen schafft es der Film uns in die Welt um 1900 mitzunehmen. Geschickt ausgewählte Drehorte werden noch geschickter ins Bild gerückt. Die Ausstattung ist hervorragend und die Kostüme sind von superber Qualität. „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ ist ein wirklich schöner Film geworden. Die Gestaltung dieses Films erfreut das Auge und lenkt in einzelnen Szenen von kleinen Ungenauigkeiten ab.
 
Das alles inszeniert Buck mit einer professionellen Leichtigkeit, die man gar nicht zur Kenntnis nimmt. Der Film enthält sehr viel und sehr anspruchsvollen Dialog. Trotzdem wirkt es nie, als würden wir ein verfilmtes Theaterstück oder Hörspiel sehen. Und so zauberhaft die gezeigten Bilder sind, so werden sie uns nie vorgeführt. Die Bauten und Drehorte bilden einfach nur die natürliche Umgebung der Protagonisten. Alles wirkt stets homogen. Und so fällt der Film während seiner knapp zwei Stunden Laufzeit an keiner Stelle zu lang aus und ist ganz sicher nie langweilig.
 
 
… und welchen Genuss vermag sie zu gewähren
 
Die größte Stärke des Films ist aber sicher die Besetzung. Buck hat sich für fast jede einzelne Rolle dieses Films den einzig denkbaren Darsteller oder die einzige denkbare Darstellerin gesucht. Man kann sich bald niemand anderen mehr in der jeweiligen Rolle vorstellen. Aber so wie Buck genau die richtigen Drehorte auf die richtige Art und Weise ins Bild rückt, so zeigt er uns auch seine Darsteller immer wieder so, wie wir sie nie zuvor gesehen haben. Wir sind es mittlerweile gewohnt, nur attraktive Menschen auf der Leinwand zu sehen. Aber einige der Protagonisten dieses Films sind unter Bucks Regie nicht bloß attraktiv sondern schlicht wunderschön.
 
Jannis Niewöhner hat letztes Jahr in „Narziss und Goldmund“ gezeigt, was für ein hervorragender Darsteller er ist. Schon damals hat er eine enorme Ausstrahlung bewiesen. Als Felix trägt er nicht bloß den ganzen Film scheinbar mühelos auf seinen Schultern und schafft es, eine amoralische Figur zutiefst sympathisch dazustellen. Er empfiehlt sich auch als neues männliches Sexsymbol des deutschen Films. Niemand, der Niewöhner in Felix‘ neuem Anzug, seinem Pagen-Livree oder seinem Frack sieht, wird auch nur eine Sekunde daran zweifeln, wie so viele der Figuren ihm so schnell verfallen konnten.
 
Niewöhners Leinwandpräsenz und erotische Ausstrahlung helfen ihm in seinen Szenen mit Liv Lisa Fries („Babylon Berlin“) aber nur wenig. Diese zarte junge Dame ist eine Naturgewalt und spielt jeden ihrer Partner, auch Niewöhner, mit einer zauberhaften, nebensächlichen Leichtigkeit an die Wand. Wie oft saßen wir bereits im Kino und hatten Mühe nachzuvollziehen, wie schnell die männliche Hauptfigur der weiblichen Hauptfigur auf der Leinwand verfallen ist. Hier kann uns das nicht passieren. Felix verliebt sich in Zaza. Der Marquis verliebt sich in Zaza. Der Zuseher verliebt sich in Zaza. Jeder verliebt sich in Zaza, weil man gar nicht anders kann, als sich in Zaza zu verlieben.
 
David Kross („Der Vorleser“) spielt die einzige Rolle des Films, an der die beiden Drehbuchautoren besser noch etwas länger gearbeitet hätten. Der Marquis de Venosta ist anderthalb Stunden ein oberflächlicher Fatzke und plötzlich sollen wir in einer dramatischen Szene in einem Zug mit ihm fühlen? Wenn uns das trotzdem gelingt, ist das Kross‘ Verdienst, nicht das der Filmemacher und man wünscht Kross, die Autoren hätten sich mit seiner Figur mehr Mühe gegeben.
 
„Tatort“-Ermittlerin Maria Furtwängler gestaltet die schwierige Rolle der Madame Houpflé meisterhaft. Diese Figur ist praktisch eine Parodie und doch erkennen wir die verletzte Frau in ihr. Diese Figur muss oberflächlich sein und doch lässt Furtwängler Tiefe erkennen. Diese Figur ist selbstsüchtig und skrupellos und doch lässt uns Furtwängler Mitleid mit ihr haben. Wenn Sie einen von vielen Bediensteten, der Geld von ihr haben möchte, fragt, „Was wollen Sie? Und was geben Sie?“ vermittelt sie uns mit zwei kurzen Sätzen die Tragödie eines Lebens.
 
Nicholas Ofczarek ist einer der profiliertesten Theaterschauspieler des deutschen Sprachraums. Er spielt die Chargenrolle des Kellners Stanko leider ziemlich uninspiriert als Chargenrolle. In seiner Comedy-Serie „Bösterreich“ lässt er regelmäßig mehr Tiefe erkennen und bessere Akzente hören.
 
 
Fazit
 
Eine hervorragende Literaturverfilmung. Mit der richtigen Mischung aus Werktreue und Mut zum Neuen wird eine alte Geschichte neu erzählt. Zusammen mit der fantastischen Besetzung bietet das Unterhaltung auf hohem Niveau.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Detlev Buck
  • Drehbuch: Daniel Kehlmann
  • Besetzung: Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries