Michael - Kinostart: 22.04.2026

Artikel bewerten
(1 Stimme)
Im Zuge der Welle von Musiker-Biopics der letzten Jahre konnte ein Film über ... 
 
... den „King of Pop“ natürlich nicht ausbleiben. Was darf man von dieser Künstlerbiografie erwarten …?
 
Don’t Stop ’til You Get Enough (SPOILER)
 
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „Der Film erzählt die Geschichte von Michael Jacksons Leben – weit über die Musik hinaus. Er zeichnet seinen Weg nach von der Entdeckung seines außergewöhnlichen Talents als Leadsänger der Jackson Five bis hin zu dem visionären Künstler, dessen kreativer Ehrgeiz ihn unermüdlich antrieb, der größte Entertainer der Welt zu werden … das Publikum hat einen Platz in der ersten Reihe bei einem nie zuvor dagewesenen Blick auf das Leben der Pop-Ikone. Hier fängt seine Geschichte an.
 
Was für ein Unsinn. Der Film erzählt einen geringen Teil der „Geschichte von Michael Jacksons Leben“ und darüber hinaus nicht viel. Die Handlung dieses Films endet abrupt im Jahr 1988. Die Berichte über bereits gedrehte, aber dann doch wieder entfernte in den 1990ern spielende Szenen lassen vermuten, die Macher dieses Films haben spät aber doch eingesehen, wie schwer es ist, bereits die ersten Missbrauchsvorwürfe so auf die Leinwand zu bringen, dass der „Held“ ihres Films gut dabei wegkommt.
 
Statt eines „nie zuvor dagewesenen Blick auf das Leben der Pop-Ikone“ bekommen wir die ewiggleichen altbekannten Stories, die der King of Pop bereits zu Lebzeiten immer und immer wieder selbst verbreiten ließ und jede Menge, oft viel zu lange Musiknummern. Dieser Film ist die komplett unkritische Wiedergabe der geschönten Version der Erinnerungen eines grandiosen Selbstdarstellers, der den größten Teil seines Lebens so sehr in seiner eigenen Welt gelebt hat, dass man durchaus bereits von Realitätsverlust sprechen kann.
 
Als Künstler-Biografie hat dieser Film den gleichen Wert, wie ein Film über Amy Winehouse, der ihren Drogenkonsum ausblenden würde oder ein Biopic über Milli Vanilli, in dem der Eindruck erweckt würde, die Burschen hätten selbst gesungen. Als in „Bohemian Rhapsody“ Freddie Mercurys Homosexualität immer wieder als Problem dargestellt wurde, war das ärgerlich. Aber die nicht bloß saubere, nicht einmal reine, sondern direkt antiseptische Geschichte, die uns Jacksons Erben in „Michael“ verkaufen wollen, ist mehr als ärgerlich. Sie ist lächerlich. Sie ist plumpe Legendenbildung.
 
Und der Jackson-Clan hat sich dafür den passenden Regisseur ausgesucht. Antoine Fuqua wurde vor einem Vierteljahrhundert mit dem effektiven, aber reichlich plumpen „Training Day“ berühmt. Mit dem ebenso plumpen „Olympus Has Fallen“ wurde eine Serie von immer schlechteren Filmen eingeläutet. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat Fuqua vor allem seinen (im doppelten Wortsinn) alten Hauptdarsteller Denzel Washington in einer viel zu langen Reihe von immer plumperen „Mann-in-mittleren-Jahren-verprügelt-und-erschießt-ganz-viele-Leute“-Filmen inszeniert.
 
Das Schlimmste, das man über Fuquas Regie sagen kann, ist, sie passt zum Projekt. Handwerklich zum großen Teil halbwegs kompetent, aber uninspiriert wird Szene um Szene aneinander gereiht. Fuqua konzentriert sich auf Höhepunkte der Karriere und verliert dabei zuweilen Kleinigkeiten außer Acht. Die „Jackson Five“ treten noch auf Jahrmärkten auf, nachdem bereits ein Rolls Royce und andere Luxuslimousinen vor der Tür des Familienanwesens stehen, an verschiedenen Stellen passen die Lippenbewegungen des Hauptdarstellers nicht hundertprozentig zum Playback und so weiter und so fort. Selbst Schlüsselszenen wirken oft mittelmäßig gestaltet. Der computergenerierte „Bubbles“ sieht aus, als wäre er aus „Dr. Dolittle“ entflohen und wirkt ebenso wenig realistisch wie das Feuer bei den verhängnisvollen Dreharbeiten zum Pepsi-Werbespot.
 
Nie zeigt die Regie eine originelle Idee. Nichts kann uns überraschen, weil wir alles von weitem kommen sehen. Nichts kann uns beeindrucken, weil wir alles bereits vor Jahrzehnten im Original gesehen haben. Wenn Fuqua die Dreharbeiten zum „Thriller“-Video eins zu eins nachstellt, ist das nett aber nichts Besonderes. Was John Landis damals 1983 geschaffen hat, war etwas ganz Besonderes. Was Fuqua mehr als vierzig Jahre später mit modernen Mitteln und Produktionsmethoden nachstellt, vermag niemanden zu beeindrucken. Die Regie hakt damit nur einen weiteren Posten auf der Liste dessen ab, was das Publikum erwarten darf. Der echten Person hinter der Fassade nähert man sich so keinen Millimeter.
 
Wanna Be Startin’ Somethin’
 
Die Regie passt zum Drehbuch von John Logan („Spectre“, „Alien Covenant“). Alles wird nacheinander nett, sauber und reichlich plump erzählt. Wenn bereits nach wenigen Minuten zu sehen ist, wie der kleine Michael „Peter Pan“ liest, sehen wir nicht nur ein hingekritzeltes „Joseph“ neben dem Bild von Captain Hook, nein wir bekommen auch noch einige weitere Male erklärt, dass Michael sich für Peter Pan und seinen Vater für den Bösewicht der Geschichte hält. Wenn der junge Michael seine Nase zum ersten Mal unters Messer legt, muss er dem Chirurgen noch ausdrücklich erklären: „I have to be perfect“. Wenn der King of Pop verfeindete Straßengangs befriedet, dann tut er das mit der Macht der Musik, aber nicht ohne den versammelten Gangbangern ellenlang zu erklären, „Music and dance is what we all have in common. It’s the universal languange ...“ und so weiter und so plump …
 
Über die Leistung der Schauspieler zu berichten, ist schnell erledigt. In diesem Film, der eine stark vereinfachte Version der subjektiven Wahrnehmung Michael Jacksons wiedergibt, gibt es nur drei Figuren die halbwegs als Charaktere wahrnehmbar sind. Die liebe und gütige Mama, den bösen Papa und den strahlenden Helden Michael. Alle anderen sind bloße Statisten, im Film wie in Michael Jacksons Leben. Warum Miles Teller einen Anwalt darstellt, dessen Kennenlernen mit Michael Jackson wie das erste Aufeinandertreffen zweier Liebenden inszeniert ist, warum man in diesem Film, der doch von Jacksons Erben produziert wurde, die anderen Brüder gar nicht auseinanderhalten kann und was Janet Jackson angestellt haben muss, um in diesem Film überhaupt nicht vorzukommen, bleibt alles unklar.
 
Nia Long spielt Katherine Jackson als reine Projektionsfläche. Nie bekommen wir auch nur im Ansatz vermittelt, wie das Leben dieser Frau an der Seite eines rücksichtslosen Grobians ausgesehen und wie sie es geschafft haben mag, trotzdem eine Großfamilie aufzuziehen.
 
Der großartige Colman Domingo verschwendet sein Talent nach „Die Farbe Lila“ wieder mit der Darstellung des Klischees vom bösen schwarzen Mann. Wenn er so weitermacht spielt er irgendwann in einem Remake von „Leben und Sterben Lassen“ den „Mr. Big“ oder sogar noch „Blacula“.
 
Jaafar Jackson ist der Sohn von Jermaine Jackson und stellt damit in seiner ersten Hauptrolle in seinem ersten Spielfilm gleich seinen leiblichen Onkel dar. Die Pressemitteilung, wonach der Casting-Prozess für die Hauptrolle zwei Jahre gedauert haben soll, ist das Lächerlichste an diesem ganzen ohnehin lächerlichen Projekt. Aber Jaafar Jackson macht einen guten Job. Nein, er macht einen wirklich guten Job. Leider besteht sein Job nicht in der Darstellung eines echten Menschen, sondern in der bloßen Imitation einer öffentlichen Persona, einer für die Fans konstruierten Legende.
 
 
Fazit
 
„Michael“ ist als Künstlerbiografie ein kompletter Fehlschlag. Als Film an und für sich, ist das Ganze in seiner plumpen Lächerlichkeit beinahe belanglos. Am Ende hat man das Gefühl ein durchaus gut gemachtes, aber viel zu langes Video für einen Tribute-Act gesehen zu haben.
 
 
Unterstütze CinePreview.DE:
                                                                                                                                        
 

Ähnliche Kritiken

King Richard - Kinostart: 24.02.2022
King Richard - Kinostart: 24.02.2022 Will Smith spielt gern den Helden. Das weiß jeder. In seinem neuesten Film ...   ... aber spielt er wieder den Helden, obwohl diese Figur gar nicht der Held der Geschichte ist, …   Everybody is wrong   Venus Williams hat mehrmals Wimbledon ...
Bohemian Rhapsody - Kinostart: 01.11.2018
Bohemian Rhapsody - Kinostart: 01.11.2018 Nachdem das Projekt mehrmals verschoben wurde, kommt nun Bryan Singers ...   ...  Film über Freddie Mercury ins Kino. Dieser bietet den Fans jede Menge Musik und Mythos. Die Person hinter dem Mythos lernen wir aber nicht richtig kennen.   13. Juli 1...
Unser Team - Kinostart: 28.03.2019
Unser Team - Kinostart: 28.03.2019 Als das Flugzeug mit der Mannschaft des brasilianischen Flussballclubs Chapecoense ...   ... 2016 abgestürzt ist, war das ein furchtbarer Schicksalsschlag für die Hinterbliebenen, die wenigen Überlebenden, den Verein und seine Heimatstadt Chapecó. D...
Bleed for this
Bleed for this Autor und Regisseur Ben Younger fühlte sich von Vinny Pazienzas Geschichte angesprochen.   Weil es nicht die typische Geschichte eines Boxers ist, sondern weil es vielmehr die inspirierende Geschichte eines Mannes ist, der im Grunde alles verloren hat, aber einfach...

Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Antoine Fuqua
  • Drehbuch: John Logan
  • Besetzung: Jaafar Jackson, Juliano Valdi