Mit 88 Jahren legt Ridley Scott seinen neuesten Film vor.
Gegensätze ziehen sich an
Nicht erst seit der Covid-19-Pandemie sprießen Endzeitgeschichten wie Pilze aus dem Boden. Schon in den letzten 15 Jahren erfreuen sich dystopische Filme und Serien, angeheizt etwa durch den Erfolg der Zombiesaga „The Walking Dead“, enormer Beliebtheit. Die Zeiten, in den wir leben, sind unruhig und produzieren bei vielen Menschen Ängste vor der Zukunft, die wiederum in fiktionalen Erzählungen weitergesponnen werden. Was, wenn die Welt, wie wir sie kennen, verschwindet? Unsere Zivilisation irgendwann untergeht? Die Menschheit wirklich am Abgrund steht? Fragen wie diese scheinen im Angesicht des Klimawandels, des Vormarsches autoritärer Kräfte und immer stärker polarisierter Gesellschaften drängender denn je.
Auch Ridley Scott, der zuletzt mit der Fortsetzung seines Sandalenepos „Gladiator“ in den Kinos vertreten war, nimmt sich in seinem neuen Werk dieser Thematik an. Als Grundlage diente dem nimmermüden, 1937 geborenen Briten der 2012 veröffentlichte Bestseller „Das Ende der Sterne, wie Big Hig sie kannte“ (Originaltitel: „The Dog Stars“) aus der Feder von US-Schriftsteller Peter Heller. Auch wenn es sich nicht um eine Science-Fiction-Arbeit im engeren Sinne handelt, kehrt Scott in gewisser Weise zu den düsteren Visionen seiner frühen Meisterwerke „Alien - Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ (1979) und „Blade Runner“ (1982) zurück. Kann man unter extremen, lebensbedrohlichen Umständen noch menschlich sein? Dieser Gedanke spielt auch in „Das Ende der Sterne“ – so firmiert die Romanadaption hierzulande auf der großen Leinwand – eine zentrale Rolle.
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Im Mittelpunkt steht der frühere Mechaniker Hig (Jacob Elordi), dem eine verheerende, die Menschheit fast auslöschende Viruspandemie seine Ehefrau nahm. Ihr gemeinsames Kind starb noch vor der Geburt. Jahre nachdem die Seuchenkatastrophe die Zivilisation zerstört hat, lebt er in einer Zweckgemeinschaft mit dem taffen Bangley (passend besetzt: Josh Brolin) auf einem verlassenen Flugplatz im US-Bundesstaat Colorado. Gemeinsam schützen die beiden Männer ihr Refugium gegen andere Überlebende. Mit seinem treuen Vierbeiner Jasper unternimmt der Pilot Hig in einer alten Cessna-Maschine außerdem regelmäßig Ausflüge in die verfallene Großstadt Denver, um dort Vorräte zu besorgen. Einen Zwischenstopp legt er meistens bei einer mennonitischen Gemeinschaft ein, die er mit kleinen Lieferungen versorgt.
Hig ist ein Samariter. Ein Mann, der selbst unter widrigsten Bedingungen auch an andere denkt und bei Konfrontationen nicht sofort den Abzug drückt. Dem, was er verloren hat, trauert er nach. Gleichzeitig will er die Hoffnung auf neuen Zusammenhalt, eine Zukunft jenseits des täglichen Überlebenskampfes nicht begraben. Ganz im Gegenteil zu seinem Kompagnon Bangley, den genau das, die knallharte Verteidigung des eigenen Rückzugsortes, komplett auszufüllen scheint. Der waffenschwingende Haudegen hat sich schon lange auf ein Untergangsszenario vorbereitet, erkennt darin den echten American Dream, atmet in seinem rücksichtslosen Individualismus, seiner Shoot-First-Don’t-Talk-Devise den Geist des Trumpismus.
Platz für Gefühle
Für die Gegenüberstellung der beiden so konträren Figuren nehmen sich Scott und Drehbuchautor Mark L. Smith (schrieb unter anderem das Skript für den preisgekrönten Survival-Western „The Revenant - Der Rückkehrer“) ausreichend Zeit. Als Higs geliebter Hund jedoch bei einem Überfall durch Plünderer getötet wird, ist für den jungen Piloten der Moment gekommen, mit seiner Cessna weiterzuziehen und einem mysteriösen Funkspruch zu folgen, auf den er schon öfters gestoßen ist.
Mit diesem Entschluss bekommt „Das Ende der Sterne“ eine neue Dynamik. Immerhin trifft der Held schon bald auf zwei andere Überlebende, die inmitten der Verheerung ihr eigenes kleines Reich errichtet haben. Cima (Margaret Qualley) und ihr nur Pops genannter Vater (ein anfangs herrlich grantiger Guy Pearce) bauen Vertrauen zum bruchgelandeten Hig auf. Mehr noch, zwischen ihm und der jungen Frau, die, so wie er, um ihren durch die Pandemie dahingerafften Ehepartner trauert, entwickeln sich Gefühle – was Ridley Scott erfreulich dezent in Szene setzt.
Existenzielle Überlegungen berührt „Das Ende der Sterne“ oft nur kurz. Etwa die Frage, ob die Menschheit schon vor dem tödlichen Virusausbruch von Grund auf verdorben war. Als an den Charakteren interessiertes, nicht von Knalleffekten bestimmtes postapokalyptisches Drama mit atmosphärischen Untergangsbildern und majestätischen Landschaftsimpressionen funktioniert der Film dennoch recht gut. Zumindest rund 80 Minuten lang. Danach knirscht es leider immer lauter.
„Das Ende der Sterne“ bläst die Romanhandlung in der letzten halben Stunde unnötig auf und verfällt dabei teilweise in blinden Aktionismus. Krampfhaft heraufbeschworene Schockmomente und Endzeitklischees häufen sich. Passagen wie ein nächtlicher Angriff, der im Stil eines horrorartigen Computerspiels arrangiert ist, beißen sich mit dem zuvor eher geerdeten, realistischen Ansatz. Zusammen mit dem Pathos, das vor allem in den finalen Minuten massiv anwächst, reißt der Film so einiges von dem ein, was er sich vorher sorgsam aufgebaut hat.
Fazit
Wie viele Werke in Ridley Scotts Schaffen der jüngeren Vergangenheit kann auch „Das Ende der Sterne“ nicht vollends überzeugen. Handwerklich ist die prächtig fotografierte Buchverfilmung sauber, inhaltlich geht es irgendwann allerdings bergab – und bis zum Schlussbild nicht mehr wirklich bergauf.
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