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The 800 - Amazon-Start: 11.02.2021

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Weil US-Studios wegen Covid-19 letztes Jahr keine Blockbuster ...
 
... ins Kino gebracht haben, konnte dieser chinesische Kriegsfilm allein durch die Einnahmen in China zum weltweit erfolgreichsten Film 2020 werden. In Deutschland haben wir den Film bisher noch gar nicht zu sehen bekommen. Haben wir etwas verpasst?
 
Das sind alles Helden. Die beschützen uns.
 
In Shanghai wurde 1937 eine der ersten Schlachten des zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs geschlagen. Japan hatte damals weite Teile Nordchinas besetzt. Erst in Shanghai konnte die chinesische Armee den schnellen Vorstoß der japanischen Invasoren wenigstens verlangsamen. In der letzten Phase dieser Schlacht verschanzten sich 800 chinesische Soldaten im Sihang-Lagerhaus am Jangtze-Fluss. Mehrere Tage lang mussten sie sich gegen die japanische Übermacht zu Wehr setzen. „Bābǎi“ oder „八佰“, wie der Film im Original heißt, erzählt die Geschichte dieser Kämpfe …
 
„The 800“ von Regisseur und Autor Hu Guan und seinen Co-Autoren Rui Ge, Huang Dongbin und Kun Hu ist etwas für Leute, die im China-Restaurant eines der Gerichte bestellen, die mit „sehr scharf !!!“ gekennzeichnet sind. Diese Speisen bieten keine feine Küche. Sie werden nicht bestellt um den Gaumen mit verschiedenen, feinen Geschmacksnoten zu erfreuen. Sowas bestellen Männer (und es sind immer Männer) um etwas zu verdeutlichen. Wenn der Kellner bei der Aufnahme der Bestellung nochmal auf die Schärfe hinweist, kann der echte Mann mit einem überlegenen Lächeln „Schon in Ordung“ erwidern und sich zufrieden zurücklehnen. Denn er weiß, diese Bestellung trennt kleine Jungs von echten Männern. Die Nr. 87 auf der Speisekarte ist es, die einen Mann erst zum Mann macht.
 
In der Welt von „The 800“ ist es die selbstverständliche Bereitschaft jederzeit unter allen Umständen jeden Feind auf jedwede Art zu töten oder sich töten zu lassen, die einen Mann erst zum Mann macht. Der Pressetext des Films spricht von Helden, ebenso der Trailer zum Film. Sogar im Film selbst wird uns von einer Zeitzeugin aus dem Off erklärt, jeder dieser 800 Männer sei ein Held gewesen. Und falls wir immer noch nicht verstanden haben, worum es geht, wird noch einmal ein entsprechendes Zitat eingeblendet. Und dann bekommen wir nach einigen Minuten noch einen alten Wochenschaubericht gezeigt, dessen Kommentar dann aber doch eher nach dem Trailer zum Film klingt, nur damit wir aber auch wirklich alle verstanden haben, hier geht es um Helden und Heldentum. Umso merkwürdiger, dass wir in den 149 Minuten des Films keine echten Helden zu sehen bekommen.
 
Wir sehen einfach bloß viele Soldaten auf viele Arten ums Leben kommen. Das liegt zum einen daran, dass sich dieser Film keinerlei Zeit nimmt, uns die Protagonisten auch nur oberflächlich kennenlernen zu lassen. Wir erfahren praktisch nichts über die Figuren auf der Leinwand. Wenn dann einer dieser Soldaten stirbt, nachdem wir ihn zuvor in einer Szene 30 Sekunden lang und in einer anderen 25 Sekunden lang gesehen haben, berührt uns das natürlich kaum. Und dieser Film zeigt uns viele Soldaten. Und fast alle davon sterben. Am Ende hat man das Gefühl, deutlich mehr als 800 Soldaten beim Sterben zugesehen zu haben. Ein Filmemacher, der uns den Tod jedes einzelnen Statisten in Nahaufnahme zeigen muss, hat natürlich keine Zeit, uns mit zwei oder drei der Figuren vertraut zu machen.
 
 
Ein zweiter Grund, warum wir keine Helden zu sehen bekommen, sind die vielen Feiglinge in diesem Film. Natürlich muss es in Kriegsfilmen immer einen Feigling geben. Alleine um den Unterschied zu den Helden herauszustreichen, braucht es immer mindestens einen Feigling. Im Bedarfsfall kann der sogar seinen Irrtum einsehen und irgendwann beim Morden und Sterben mitmachen, wie der verwirre Intellektuelle in „Der Soldat James Ryan“. Aber „The 800“ ist voll von Feiglingen. Wir bekommen alle Arten von Feiglingen zu sehen: heimtückische Feiglinge, Feiglinge die weglaufen, Feiglinge die sich verstecken, zögernde Feiglinge, entschlossene Feiglinge, junge Feiglinge, alte Feiglinge, dicke Feiglinge, dünne Feiglinge, Feiglinge aus Berechnung, Feiglinge aus Überzeugung, …
 
Pazifisten sind ohnehin die schlimmste Art Feiglinge. Zum Glück muss man sie bloß zwingen, andere zu töten und dann sehen sie schon ein, wie feige sie waren. Vielleicht ist es das, was einen in der Welt von „The 800“ zu einem Helden macht: endlich diese feige Idee vom Überleben und nicht-töten-wollen aufzugeben. Könnte das die Aussage dieses Films sein? Falls ja, dann ist Regisseur Hu Guan daran gescheitert uns diese oder irgendeine andere Idee zu vermitteln. Dieser Film vermittelt uns keine einzige Idee, kein einziges Konzept. Dieser Film vermittelt bloß Klischees.
 
Wir müssen die Fahne schützen
 
Dieser Film strotzt vor Klischees. Der Feind ist böse und sonst nichts. Und so werden die Japaner meistens entweder als maskierte und damit gesichtslose Horde oder als halbnackte, messerschwingende Barbaren gezeigt. Da habe ich in Kriegsfilmen mit John Wayne schon differenziertere Darstellungen des Feindes gesehen. Die Dialoge sind furchtbare Klischees. Ständig müssen die Darsteller Zeilen sagen wie, „Wir müssen unseren Kameraden helfen.“, „Alle die hier sind, müssen bereit sein zu sterben.“ oder „Dieser Ort wird unser Grab sein.“. Meine beiden Lieblingsdialogzeilen sind „Wir haben diese Schlacht verloren, weil unsere Mitmenschen Feiglinge sind.“ und „Ihr Männer sei die einzig wahren Chinesen.“.
 
Aber die Dialoge des Films klingen nicht nur furchtbar. Wir bekommen auch viel zu viel davon zu hören. Es wirkt, als hätte jeder der 800 Soldaten in diesem Lagerhaus eine Sprechrolle bekommen. Ich habe schon Shakespeare-Verfilmungen mit weniger Dialog gesehen. Und der größte Teil des Dialogs kommentiert ohnehin nur, was wir gerade auf der Leinwand zu sehen bekommen. Nach 55 Minuten, mehreren Gefechten und unzähligen Toten auf der Leinwand meint eine der Figuren tatsächlich, „Das bedeutet Krieg.“. Aha, und was war das bisher? Auf der anderen Seite des Flusses ruft ein Zeitungsjunge mehrmals ein „Extrablatt“ mit Schlagzeilen dessen aus, was gerade geschieht. Musste man 1937 Zeitungen nicht erst drucken, bevor man sie verkaufen konnte?
 
Die Klischees sind so zahlreich, dass ich irgendwann aufgehört habe, zu zählen, wie oft irgendein Soldat vor seinem Heldentod einem anderen ein Bild oder ein anderes wertvolles Erinnerungsstück für die Mutter oder einen anderen lieben Menschen mitgegeben hat. Und wozu denn auch? Der andere wird ohnehin nichts überbringen können, weil er zwei Szenen später auch stirbt. Weitere Klischees sind ein Knabe der durch das Töten zum Mann wird und daher Schnaps trinken muss und Schusswunden, die man bloß mit einem Lappen verbindet um anschließend weiterzukämpfen und natürlich eine Fahne, die es um jeden Preis zu hissen gilt und so weiter und so fort …
 
Dabei ist dieser Film in vielerlei Hinsicht hervorragend gemacht. Die Kameraarbeit ist an manchen Stellen meisterhaft. Die Ausstattung hervorragend. Computergenerierte Bilder und Bauten gehen nahtlos ineinander über und schaffen großartige Szenarien. Aber so wie das feine Filet, die zart geschmorten Zwiebeln und der frische Bambus in der den Mundraum betäubenden Sauce eines mit „sehr scharf !!!“ gekennzeichneten Gerichts untergehen, geht all die hervorragende Filmarbeit in diesem üblen Durcheinander von Töten, Sterben und lächerlichem Pathos komplett unter.
 
TRAILER
 
Fazit
 
2020 war ein schräges Jahr, nicht nur für den internationalen Film. Nur 2020 konnte ein krudes, für westliches Publikum kaum geeignetes Propaganda-Machwerk aus China zum weltweit erfolgreichsten Film des Jahres werden. 2021 hat noch knapp 11 Monate Zeit, besser zu werden …
 
 
Link zum Film >> dplus b
 
 

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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Guan Hu
  • Drehbuch: Ge Rui
  • Besetzung: Huang Zhizhong, Zhang Junyi