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Pinocchio - Disney +-Start: 08.09.2022

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“Pinocchio” war erst der zweite Disney-Spielfilm überhaupt ...
 
... und ist mittlerweile 82 Jahre alt. Es ist also in Ordnung, wenn uns dieser Film heute altmodisch und in vieler Hinsicht nicht kindgerecht vorkommt. Aber bei der Neuverfilmung von 2022 wird das doch sicher anders sein, oder?
 
When you wish upon a star …
 
Die Geschichte darf nach dem Klassiker von 1940, der Fernsehserie aus den 1970er-Jahren und zwei Dutzend weiteren Verfilmungen (und vielleicht hat ja auch tatsächlich jemand das Buch von Carlo Collodi gelesen), wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Aber Disneys “Pinocchio” ist eines der vielen Meisterwerke der Filmgeschichte, die leider nicht sehr vorteilhaft gealtert sind.
 
„Vom Winde verweht“ war einer der größten Filme aller Zeiten, wirkt heute aber arg rassistisch. Die frühen James Bond-Filme zeigen gemessen an den Standards des 21. Jahrhunderts ein bisschen viel beiläufige sexuelle Nötigung. „American Beauty“ mit Kevin Spacey … naja, was gibt es dazu noch zu sagen? Und Disneys erste Version von “Pinocchio” ist heute als Kinderfilm einfach zu gruselig und als Familienfilm einfach nicht lustig genug.
 
Da stellt sich nun die Frage, warum man es bei Disney für eine gute Idee gehalten hat, bei der neuen Version alles beizubehalten, was an der alten Version gruselig und für Kinder ungeeignet war und so gut wie keinerlei Humor hinzuzufügen? Der neue Film enthält zwei gelungene Gags. Keiner der beiden ist für Kinder verständlich. Und einer davon funktioniert nur in der englischen Originalversion. Der Rest des Drehbuchs besteht vor allem aus Dialog, der uns bloß die Handlung erklärt. Das ist für Erwachsene schon nicht unterhaltsam. Für Kinder ist das einfach langweilig.
 
Inszeniert wurde diese Neuauflage von Robert Zemeckis, der zusammen mit Chris Weitz („Mr. & Mrs. Smith“) auch das Drehbuch geschrieben hat. Zemeckis hat jede Menge Filme gemacht, die beim ersten Ansehen unterhaltsam, berührend und ansprechend wirken. Aber auf den zweiten Blick, haben viele seiner Filme furchtbare Defizite. Die Handlung von „Zurück in die Zukunft“ funktioniert nur, weil der Vater ein Spanner und die Mutter geil auf ihren eigenen Sohn war. Über die Frauenfiguren in „Forrest Gump“ darf man keine drei Sekunden nachdenken. Das Ende von „Contact“ ist eine komplett verschenkte Gelegenheit. Und auch „Cast Away“ wird komplett uninteressant, sobald Tom Hanks von der Insel entkommt (das war kein Spoiler, weil das bereits vor mehr als zwanzig Jahren im Trailer verraten wurde).
 
Aber vor allem Zemeckis Kinderfilme fallen immer wieder merkwürdig aus. Vor allem sind sie alle für Kinder komplett ungeeignet. „Der Polarexpress“ war technisch interessant, aber in jeder anderen Hinsicht unergiebig. Der Look der Motion-Capture-Aufnahmen hat bei Kindern für Alpträume gesorgt. Das war Zemeckis aber völlig gleichgültig, weil er keine Ahnung hat, was man Kindern zumuten kann. Ja, die literarische Vorlage zu „A Christmas Carol“ war auch schon gruselig. Aber so gruselig wie Zemeckis‘ Film von 2009 war sie nicht. Und über die Zombieratten und andere Horrorelemente von „Hexen hexen“ kann man gern in unserer Rezension von 2020 nachlesen.
 
 
Auch bei seiner Version von “Pinocchio” lässt Zemeckis keinerlei Zurückhaltung erkennen. Als die blaue Fee 1940 die Holzpuppe lebendig werden ließ, hatte das etwas Magisches. 2022 zeigt Zemeckis eine Art Energiestrahl, der leider mehr an Frankenstein als an Magie erinnert. Die Sequenz auf Pleasure Island war vor zweiundachtzig Jahren schon reichlich gruselig. Aber dieses Jahr liefert Zemeckis Bilder, wie sie Tim Burton drehen würde, kurz nachdem Eva Green ihn verlassen hätte um endlich mit einem begabten Filmkritiker zusammenzuleben. „Monstro“, der Wal, war in der alten Version bereits monströs. 2022 bekommen wir eine Art tentakelbewährten Liopleurodon-Hai-Wal-Oktopus von der Größe eines Einkaufszentrums, vor dem Kinder unter zehn Jahren vermutlich wochenlang in ihren Alpträumen davonschwimmen müssen.
 
Aber nicht nur bei Schreckensbildern kennt Zemeckis keine Zurückhaltung. Man kann in Filmen gehbehinderte Mädchen beim Tanzen zeigen. Tatsächlich gibt es keinen Grund in Filmen gehbehinderte Mädchen nicht beim Tanzen zu zeigen. Aber nur Zemeckis allein weiß, warum er das gehbehinderte Mädchen in seinem Film beim Tanzen so zeigen musste, wie er es getan hat. Und vermutlich weiß Zemeckis selbst nicht, warum er das minderjährige Mädchen in seinem Film beim Tanzen ausgerechnet ein Nachthemd tragen lässt. Ich weiß nur, dass ich mich beim Betrachten dieser Szene unwohl gefühlt habe.
 
Davon abgesehen zeigt uns Zemeckis nichts wirklich Sehenswertes. Pinocchio soll aus Pinienholz gefertigt worden sein. Tatsächlich sieht er aus, als würde er aus Plastik bestehen. Sowohl die Bauten als auch die computergenerierten Bilder wirken aufwendig aber trotzdem künstlich. Der ganze Film wirkt lebloser als jede Holzpuppe. Und Pinocchio wird eher ein richtiger Junge als Zemeckis Werk ein richtiger Kinderfilm.
 
Makes no difference who you are …
 
Tom Hanks („Forrest Gump“, „Cast Away“) spielt Geppetto. Warum er uns während der gesamten ersten Viertelstunde des Films und danach auch immer wieder die Handlung erklären muss, ist unklar. Warum einem renommierten, mehrfach ausgezeichneten Darsteller für diese Rolle nichts Besseres einfällt, als die ganze Zeit mit einem aufgesetzten, italienischen Akzent zu sprechen, ist ebenfalls unklar.
 
Luke Evans spielt nach Gaston in „Beauty and the Beast“ wieder mal einen Disney-Schurken. Seine Darstellung des Kutschers ist ebenso beliebig wie die Leistung von Tom Hanks. Dafür klingt Evans‘ Akzent authentischer.
 
Der junge Benjamin Evan Ainsworth (ja, mit dem Namen ist er Brite. Was sonst?) spricht den Pinocchio. Das klingt ganz nett. Mehr kann man dazu nicht sagen.
 
Ein junger Mann namens Lewin Lloyd spielt den ungezogenen Burschen Lampwick viel zu fies für einen Kinderfilm. Man kann es kaum erwarten, bis er endlich in einen Esel verwandelt wird.
 
Der sonst so verlässliche Joseph Gordon-Levitt („Inception“, „Looper“) leiht im englischen Original der Grille Jiminy Cricket seine Stimme. Wie er es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, dabei ständig bloß den legendären Cliff Edwards zu imitieren, muss er selbst wissen.
 
Keegan-Michael Key („Key and Peele“) leiht dem Kater Honest John seine Stimme und imitiert dabei niemanden. Es sagt viel über dieses merkwürdige Projekt aus, wenn Keys Leistung das Beste am Film ist und trotzdem nicht in den Film passt.
 
Der Auftritt von Cynthia Erivo („Harriett“) als blaue Fee ist einer der merkwürdigsten Teile des Films. Und das liegt nicht an der Darstellerin. Erst muss die blaue Fee den armen Pinocchio und damit auch das Publikum minutenlang belehren, bevor sie dann endlich „When you wish upon a star“ singen darf, um dann für den Rest des Films nie wieder aufzutauchen! Die blaue Fee hat in dieser Version nur eine einzige Szene! Es wirkt, als hätte Zemeckis über dem Liopleurodon-Hai-Wal-Oktopus, dem kleinen Mädchen im Nachthemd und all den anderen Merkwürdigkeiten eine der wichtigsten Figuren der Geschichte komplett vergessen.
 
Die einzigartige Lorraine Bracco („Good Fellas“) darf ihre wunderbar krächzige Stimme einer Möwe leihen. Das ist ebenso stimmig wie sinnvoll und passt daher gar nicht richtig zu diesem Film.
 
 
Fazit
 
Wenn ein Kinderfilm von 1940 heute altmodisch und in vieler Hinsicht nicht kindgerecht wirkt, ist das in Ordnung. Die Zeiten ändern sich. Wie ein Kinderfilm des Jahres 2022 so gruselig, altmodisch und kein bisschen kindgerecht geraten konnte, muss man Robert Zemeckis und die Entscheidungsträger bei Disney fragen.
 
 
Link zum Film >> dplus b
 
 

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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Robert Zemeckis
  • Drehbuch: Chris Weitz
  • Besetzung: Tom Hanks, Cynthia Erivo