Ich: Einfach unverbesserlich 4 - Kinostart: 11.07.2024

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Manchmal fragt man sich als Filmfan, aus welchem Grund wohl bestimmte Filme gemacht wurden.
 
Leider stellen sich Entscheidungsträger von Filmstudios nur sehr selten solche Fragen …
 
Karma, Karma, Karma Chameleon …
 
Gru arbeitet für die Anti-Verbrecher-Liga, Lucy und er haben zusätzlich zu den drei Töchtern nun auch ein Baby, ein alter Erzfeind will sich an Gru rächen, die Minions werden für Experimente benutzt, die Tochter der Nachbarn erpresst Gru und 95 Minuten später ist das Ganze wieder vorbei und das Publikum hat irgendwie zu viel und trotzdem zu wenig geliefert bekommen.
 
Aufmerksame Leser*innen wissen, in meinen Rezensionen zitiere ich gern große Geister. Also zitiere ich hier, was ich selbst erst kürzlich als Einleitung meiner Rezension von „Alles steht Kopf 2“ geschrieben habe: „Manche Fortsetzungen erzählen neue Geschichten oder erzählen bereits bekannte Geschichten aus anderen Blickwinkeln als ihre Vorgänger. Andere Fortsetzungen erzählen Geschichten weiter. Und wieder andere bieten mehr von dem, was wir an den Vorgängern mochten …“.
 
Der vierte Teil der Abenteuer des ehemaligen Superschurken Gru erzählt leider keine neue Geschichte. Das Drehbuch von Ken Daurio (u.a. Drehbücher zu Teil 1-3) und Mike White (u.a. „Pitch Perfect 3“ aber auch „Emoji – Der Film“) erzählt irgendwie gar keine Geschichte. Zumindest nicht richtig. Weil das Bisschen Haupthandlung beim besten Willen nicht für einen Spielfilm gereicht hätte, bekommen wir zwei, nein drei oder vielleicht sogar vier oder fünf Nebenhandlungen, die außer ihrer Unergiebigkeit und ihrem Mangel an komischen Situationen rein gar nichts gemeinsam haben. Dadurch wirken weite Teile des Films so, als würde man sich mehrere Folgen einer passablen Fernsehserie gleichzeitig ansehen.
 
Es wird hier auch nichts aus einem anderen Blickwinkel erzählt. Die Hauptfigur ist immer noch Gru, der ist immer noch nett, aber das war er befreits bei der Hälfte von Teil Eins. Es wird hier auch keine Geschichte weitererzählt. Gru hat sich seit dem Ende von Teil Eins nicht weiter entwickelt. Dasselbe gilt für seine Töchter, die armen Mädchen sind seit drei Filmen kein Stückchen gewachsen und tragen sogar immer noch die gleichen Klamotten. Lucy ist Mutter eines Säuglings, aber immer noch verpeilt. So weit, so vertraut.
 
Also bietet Teil Vier vielleicht einfach nur mehr von dem, was wir an den Vorgängern mochten? Leider nur bedingt. Teil Eins war damals frisch und witzig. Noch heute erinnern wir uns an die Begeisterung der kleinen Agnes für flauschige Einhörner. Und die Minions, die mit ihren Versuchen, ihrem Boss stets zu Diensten zu sein, eigentlich alles immer nur schlimmer machten, waren die eigentlichen Stars des Films. Aber bereits in Teil Drei war vieles irgendwie sehr redundant und hat doch wenig Eindruck hinterlassen. Meine Recherchen zu Teil Vier haben unter anderem ergeben, dass ich Teil Drei damals für cinepreview.de rezensiert habe. Trotzdem hatte ich keinerlei Erinnerung an den Film.
 
Frisch ist in Teil Vier also nichts mehr und witzig ist leider auch nur wenig. Das liegt zum einen sicher an der Vertrautheit mit dem Material. Nach drei Vorgängern und zwei Minion-Spin-offs, also nach insgesamt fünf Filmen, vermag uns nur wenig vom Treiben der kleinen gelben Wesen und der verschiedenen Superschurken überraschen. Wenn also gebrauchte Windeln einfach mit einer Kanone beim Fenster rausgeschossen werden und die Direktorin einer Schule für Superschurken einen Monstertruck-Rollstuhl fährt, haben wir Ähnliches einfach bereits allzu oft gesehen.
 
 
Everybody Wants to Rule the World
 
Der Film ist aber auch deshalb nicht besonders witzig weil den beiden Drehbuchautoren wohl einfach nicht mehr viel Witziges einfallen wollte. Und das was ihnen an Witzigem eingefallen ist, wird meistens viel zu umständlich und langwierig konstruiert, um dann noch Wirkung zeigen zu können. Anschließend wird jede Pointe auch noch ausgepresst wie eine Zitrone, bis das letzte Tröpfchen saurer Saft raus quillt.
 
So wird uns zunächst erzählt, dass Lucy, aus Gründen die keinen Sinn ergeben, als Friseurin arbeiten muss. Dass das nicht glatt gehen kann, ist an dieser Stelle jedem Sechsjährigen klar. Der unglückliche Verlauf dieses Haarschnitts vermag uns daher nicht zu überraschen und wirkt dementsprechend wenig witzig. Noch weniger witziger ist es, wenn Lucy beim Einkaufen das Opfer ihrer Friseurkünste treffen muss. Das musikalische Zitat aus einer der besten Fortsetzungen aller Zeiten ergibt in dieser Szene auch keinen Sinn.
 
Aus ebenso unsinnigen Gründen steht in einer vorübergehenden Behausung der Familie ein Verkaufsautomat für Snacks. Wenn einer der Minions in den Automaten klettert, kommt das für niemanden überraschend. Wenn der Latzhosenträger im Verlauf des Films noch mehrere Male im Automaten zu sehen ist, wird das alles nicht witziger.
 
Das Treiben der Minions wirkt hier leider nicht mehr so unterhaltsam wie in den früheren Filmen. Gerade das Bemühen, ihrem Boss zu helfen, war die Quelle der Komik im Scheitern ihrer Aktionen. In Teil Vier treiben die Minions einfach nur noch Unsinn. Dass einige der kleinen Latzhosenträger durch Experimente zu Mutanten werden, wirkt wie eine Idee aus einem ganz anderen Film, der leider auch nicht besonders lustig ist. Dass die beiden Regisseure Chris Renaud und Patrick Delage das alles und vieles mehr recht einfallslos zu einer wahllosen Nummernrevue montieren, trägt auch nicht zum Unterhaltungswert des Films bei.
 
Ein deutliches Beispiel für den Mangel an eigenen und neuen Ideen in diesem Film ist die Verwendung von Tears for Fears‘ „Everybody Wants to Rule the World“. Dieses Lied wurde im Lauf der letzten Jahre so inflationär in Spielfilmen eingesetzt, dass ich persönlich Rezensionen zu nicht weniger als 5 (in Worten: fünf) dieser Filme verfasst habe („Ready Player One“, „Bumblebee“, „Tesla“, „Abseits des Lebens“ und „Next Goal Wins“). Es tut mir leid, aber dieses Lied ist einfach „durch“. Filmemacher, die es weiterhin verwenden, verdeutlichen damit nur ihren begrenzten Einfallsreichtum.
 
In der englischen Originalversion sind fast alle vertrauten Stimmen wieder zu hören. Nur die Sprecherin der kleine Agnes musste natürlich wieder ausgetauscht werden. Neu dabei sind Will Ferrell und Sofia Vergara als Schurkenpaar und Joey King als Nachwuchsschurkin. Ferrell macht was er immer macht und worauf niemand mehr wartet. Vergara spricht eine lieblose, unlustige Parodie der Rollen, die sie immer zu spielen hat. Einzig Joey King vermittelt so etwas ähnliches wie einen Charakter.
 
Das Beste was man über die deutsche Synchronfassung sagen kann, ist dass sie natürlich notwendig ist, weil „Ich – Einfach unverbesserlich 4“ vor allem für Filmfans im Grundschulalter geeignet ist. Zu klein sollten die Kinder im Publikum aber nicht sein. Einzelne Szenen werden Kinder unter 6 Jahren überfordern.
 
 
Fazit
 
Abgesehen von dem offensichtlichen finanziellen gibt es keinen Grund für diesen Film. Umso schlimmer, wenn mit großem Aufwand nicht besonders viel erreicht wird.
 
 
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Chris Renaud
  • Drehbuch: Mike White
  • Besetzung: Oliver Rohrbeck, Martina Hill