Die Farbe Lila - Kinostart: 08.02.2024

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“tearjerker” nennt man links vom Atlantik Filme, deren Hauptaufgabe der ...
 
... Druck auf die Tränendrüse ist. Nun die Musical-Neuverfilmung von „Die Farbe Lila“ ist sicher ein großartiger „tearjerker“. Aber wie steht es um die anderen Qualitäten dieses Films?
 
Mysterious Ways
 
Der Film auf der Grundlage des Broadway-Musicals von 2005, auf der Grundlage des Steven-Spielberg-Films von 1985, der nach der Vorlage von Alice Walkers mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Romans von 1982 entstanden ist, erzählt die Lebens- und Leidensgeschichte der schwarzen Celie, im Süden der USA während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Geschichte voller Inzest, Unterdrückung, Gewalt, Nötigung und systematischem Machtmissbrauch kommt nun also nach fast vierzig Jahren nochmal ins Kino. Bloß diesmal eben mit Gesangs- und Tanzeinlagen.
 
Diese neue Version von „Die Farbe Lila“ hat zwei große Pluspunkte. Der erste ist: dieser Film erfüllt seine Aufgabe. Voll und ganz. Wenn ich kurz ins Englische verfallen darf, „The Color Purple“ is the most tearjerking tearjerker of the year! Get ready to have your tears jerked all the way out! Der Film zeigt uns bereits nach wenigen Minuten eine Szene so voll verzweifelter Hoffnungslosigkeit, wir möchten in die Leinwand springen und die arme kleine Celie im Arm halten. Und zwar weil die Hauptfigur an dieser Stelle des Films den Trost ebenso brauchen würde, wie wir.
 
Wer sich diesen Film ansieht wird also nach wenigen Minuten zum ersten Mal weinen. Dann zehn Minuten später noch einmal. Und dann in unregelmäßigen Abständen immer wieder, bis zum tränentreibenden Schluss. Wer kein Geld für im Kino verkaufte Getränke ausgeben möchte, sollte sich lieber eine Infusion mit Kochsalzlösung mit in den Saal nehmen. Sonst droht Dehydration. „Die Farbe Lila“ eignet sich ganz hervorragend für Dates mit neuen Partnern. Wenn die Begleitung während des Films nicht weint, anschließend bitte den Kontakt abbrechen. Beziehungen mit Soziopathen sind anstrengend, … meint zumindest meine Frau.
 
Die während „Die Farbe Lila“ vergossenen Tränen sagen aber leider nur wenig über die filmischen Qualitäten aus. Tränenfluss ist eine unwillkürliche körperliche Reaktion und daher kein echtes Indiz für die Qualität eines Films. Ich hatte während „Saw: Spiral“ ein paarmal kurz die Hand vor Augen. Trotzdem war das kein guter Film. Und hätte man mich zur Pressevorführung von „Women seeking women 179“ eingeladen, hätte ich beim Ansehen vermutlich auch eine unwillkürliche körperliche Reaktion gezeigt. Trotzdem ist weder dieser Film noch einer seiner 178 Vorgänger ein cineastisches Meisterwerk ... habe ich mir sagen lassen.
 
Was ist denn nun der zweite große Pluspunkt dieser neuen Version von „Die Farbe Lila“? Die Musik ist es leider nicht. Die Qualität der einzelnen Musikstücke fällt recht unterschiedlich aus. Einige Stücke klingen wirklich gut und werden hervorragend vorgetragen. Andere klingen fast etwas zu simpel. Vor allem „Push Da Button“ ist zu lang geraten. So witzig ist dieses eindeutig zweideutige Wortspiel wieder auch nicht, dass man es minutenlang wiederholt hören muss.
 
Die Musik entspricht auch kaum jemals der Zeit oder dem Ort der Handlung. Man hört mal Gospel, aber kaum Jazz und praktisch keinen Blues. Die Lieder aus dem Broadway-Musical klingen zu einem großen Teil recht gefällig und eher nach Soul der siebziger und achtziger Jahre. Vieles erinnert eher an Ashford & Simpson als an Robert Johnson, eher an den späten Quincy Jones (einen der Produzenten des Films) als an den frühen Louis Armstrong.
 
Aber nicht nur der anachronistische Klang der Musiknummern kann irritieren. Eine Geschichte von Inzest, Unterdrückung, Gewalt, Nötigung und systematischem Machtmissbrauch mit flotten Musiknummern anzureichern, ist sicher kein einfaches Unterfangen. Und bereits nach 15 Minuten Laufzeit lässt eine fröhlich tanzende und singende „Chaingang“ (also eine Gruppe von schwarzen Kettensträflingen bei der Zwangsarbeit) erahnen, der Film könnte daran scheitern.
 
Die Musiknummern scheinen auch eher wahllos über den Film verteilt. Einerseits fangen die Protagonisten an teilweise recht unpassenden Stellen des Films plötzlich zu singen an. Andererseits hat der Film über lange Strecken musikalisch nichts oder nicht viel zu bieten. Wenn dann nach längerer Laufzeit wieder eine Musikeinlage kommt, braucht man einen Moment um sich zu erinnern, „Ach ja! Das ist ja ein Musical.“.
 
 
What About Love?
 
Regisseur Blitz Bazawule hat bisher vor allem kleinere Filme oder fürs Fernsehen gedreht. Bei Beyoncés „Black ist King“ war er einer der Co-Regisseur*innen. Seine Arbeit an „Die Farbe Lila“ ist sicher effektiv. Wie erwähnt, bringt uns der Film immer wieder zum Weinen. Davon abgesehen wirkt die Regie aber sehr uninspiriert. Wir bekommen nur selten ein Gefühl für Ort und Zeit der Handlung vermittelt. Alles wirkt ein bisschen zu glatt und zu sauber.
 
Die Ausstattung des Films wirkt sehr hochwertig. Aber auch hier wirkt alles sehr glatt und sauber. Alle Räume wirken großzügig dimensioniert und gemütlich. Selbst eine Gefängniszelle wirkt geräumig und luftig. Die Kleider sind fast alle sauber und makellos. Alle Autos sind hochglanzpoliert. Und im tiefsten Süden der Zwanziger- und Dreißigerjahre gibt es erstaunlich viele asphaltierte Straßen.
 
Zur glatten und sauberen Regie und Ausstattung passt auch das Drehbuch von Marsha Norman und Marcus Gardley. Norman hat u.a. vor vierzig Jahren „Nacht, Mutter“ geschrieben, ein bewegendes aber stilles, nachdenkliches Drama über eine Frau mit furchtbarem Schicksal. Gardley hat bisher vor allem für das Fernsehen geschrieben. Und leider erinnert das Drehbuch zu „Die Farbe Lila“ mehr an Fernsehserien als an Normans mit einem Pulitzer ausgezeichnetes Theaterstück.
 
Viel zu dramatisch ist das Drama, viel zu versöhnlich die Happy-Ends, viel zu schnell und zu plump die Übergänge von tieftraurig zu lustig und zurück. Wenn ein gewalttätiger Wüstling plötzlich zum verliebten Gockel wird, wirkt das nicht witzig sondern irritierend. Und Barschlägereien wirken nur dann lustig, wenn zwei der Beteiligten Bud Spencer und Terence Hill heißen, aber nicht in einem Film über endemische Gewalt in Familien und Beziehungen.
 
Wenn eine Frau am Ende mit allen anderen Protagonisten einen fröhlichen Kreis bildet, um vom lieben Gott zu singen und sich in diesem Kreis unter anderem der Mann befindet, der sie jahrzehntelang gequält und misshandelt hat, ist das schon ein bisschen arg viel des Guten. Spätestens an der Stelle kann man nicht mehr ignorieren, wie aufdringlich und manipulativ dieser Film vorgeht, um auf unsere Tränendrüsen zu drücken.
 
Hell no!
 
Also was ist denn nun der zweite Pluspunkt von „Die Farbe Lila“? Und warum funktioniert das ganze „tearjerking“ so gut? Der zweite Pluspunkt und der Grund, warum der Film überhaupt funktioniert, ist die fast durchweg hervorragende Besetzung.
 
Die noch recht unbekannte junge Phylicia Pearl Mpasi bricht uns als junge Celie bereits nach wenigen Minuten das Herz. Halle Bailey („Arielle, die Meerjungfrau“) erfüllt uns mit Angst und Sorge um Celies Schwester Nettie.
 
Colman Domingo („Assassination Nation“) vermittelt uns die verabscheuungswürdige Brutalität von Celies Ehemann „Mister“ ebenso wie dessen Erbärmlichkeit. Wenn wir seine Wandlung vom Saulus zum Paulus am Ende nicht recht akzeptieren können, ist das die Schuld des Drehbuchs, nicht die Domingos.
 
Danielle Brooks („Orange is the New Black”) ist für ihre Darstellung der Sofia für einen Oscar als beste Nebendarstellerin nominiert worden und wenn Jodie Foster oder Emily Blunt ihr demnächst die Statue wegschnappen sollten, werde ich mitten in der Nacht meinen Fernseher anbrüllen. Brooks vermittelt in dem Film eine so außergewöhnliche, unbändige Kraft, das Publikum kann direkt spüren, wie ihre Figur der Sofia ihre Freundin Celie damit auflädt.
 
Taraji P. Henson („Hidden Figures“) macht ihren Job als Sängerin Shug Avery nicht schlecht. Aber einzelne ihrer Szenen erscheinen dann sogar im Kontext dieses „tearjerkers“ ein wenig „overacted“. Dabei wirkt ihre Figur im Film nie so schillernd, wie sie auf Celie doch wirken müsste. Im Vergleich zu den teilweise fantastischen Leistungen ihrer Kolleg*innen, fällt Hensons Darstellung recht beliebig aus.
 
Selbst in kleinsten Nebenrollen brillieren in diesem Film Könner*innen wie Corey Hawkins („Die letzte Fahrt der Demeter“), David Alan Grier („Jumanji“), Elizabeth Marvel („Das Bourne Vermächtnis“). Ganz besonders erfreulich ist das Wiedersehen mit der Schauspiel-Legende Louis Gosset Jr. („Ein Offizier und Gentleman“). Und selbst die kleine Rolle einer Hebamme ist prominent besetzt.
 
Über all dem strahlt der Triumph von Sängerin Fantasia Barrino in ihrer ersten Hauptrolle. Als Celie leidet und erleidet sie. Sie singt und hofft. Sie träumt und liebt. Und wir leiden und erleiden mit ihr. Wir singen ihre Lieder mit und teilen ihre Hoffnung. Wir träumen mit ihr und lieben über die Entfernung von Kontinenten hinweg. Wenn „Die Farbe Lila“ der effektivste „tearjerker“ des Jahres ist und als Film halbwegs funktioniert, dann ist das zu einem großen Teil Fantasia Barrinos Verdienst.
 
 
Fazit
 
Gefällige Musik, eine passable Regie, ein etwas plump manipulatives Drehbuch und eine zum großen Teil fantastische Besetzung ergeben den effektivsten „tearjerker“ des Jahres. Aber leider summieren sich diese Komponenten nur zu einem halbwegs gelungenen Film.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Blitz Bazawule
  • Drehbuch: Marsha Norman
  • Besetzung: Fantasia Barrino, Taraji P. Henson