Dream Scenario - Kinostart: 21.03.2024

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Echte Filmfans suchen nach besonderen Filmen, in denen mutige ...
 
... Filmemacher ihre Visionen umsetzen. Der erste in den USA entstandene Film des Norwegers Kristoffer Borgli ist ein solcher Film ...
 
Searching for the insult ...
 
Paul Matthews ist ein Mann von beinahe außergewöhnlicher Gewöhnlichkeit. Er führt eine langweilige Ehe, langweilt seine Familie mit unlustigen Scherzen, hat einen guten aber langweiligen Job als Universitätsprofessor und spricht seit Jahren von einem Buch, das er schreiben möchte. Nichts an ihm ist bemerkenswert. Doch dann erfährt Paul, dass er in den Träumen wildfremder Menschen erscheint. Zunächst ist er nur passiver Statist in diesen Träumen. Nach und nach breitet sich das Phänomen aus und weltweit erscheint Paul in den Träumen von Millionen Menschen. Eine Weile genießt der Professor die Aufmerksamkeit ...
 
„Dream Scenario“ ist voller Komponenten, die so vielen Filmen fehlen. Der Film bietet eine originelle Grundidee, wie wir sie noch nicht tausende Male gesehen haben. Ein mutiger Filmemacher setzt seine Idee kompromisslos um. Und ein großartiger Darsteller, dessen Karriere in den letzten Jahren nur wenige Höhepunkte geliefert hat, zeigt seine beste Leistung seit Langem.
 
Die ersten 45 Minuten des Films sind eine wahre Freude für jeden Filmfan. Das Drehbuch ist brillant geschrieben. Die Dialoge sind auf subtile Art genial. Und Nicolas Cage lässt uns nicht nur seine Figur kennenlernen. Wir dürfen direkt eintauchen, in das langweilige Leben und die ganz allgemeine Mittelmäßigkeit dieses Paul Matthews. Wenn dieser Professor nie richtig zuhört und das was andere sagen offensichtlich nur nach Lob oder Beleidigung sortiert, wenn bereits seine erste Lektion über die Streifen von Zebras inhaltlich falsch und veraltet ist, offenbart das dem Publikum sowohl Charakter als auch Weltanschauung dieser Figur.
 
Die Idee, Paul Matthews in den Träumen der Menschen selbst in den absurdesten Szenarien nicht reagieren sondern stets passiv am Rand stehen zu lassen, wird in einigen witzigen Traumsequenzen superb umgesetzt. Ebenso superb spielt Cage die Enttäuschung des Professors, über seine passive Rolle in den Träumen anderer. Wenn Paul in einem ersten Fernsehinterview trotzdem meint, die Menschen würden über ihn Träumen, weil er so interessant sei und damit Ursache und Wirkung verwechselt ist auch das noch gekonnte Medien- und Gesellschaftssatire.
 
Und natürlich kann es nicht ausbleiben, dass jemand an Paul herantritt um seine plötzliche unverdiente Berühmtheit zu vermarkten. Doch an dieser Stelle sehen wir die erste von vielen Szenen des Films, die nicht recht funktioniert. Das Talent des großartigen John Cena wird verschwendet, wenn er eine lächerliche Karikatur eines Typus spielt und keinen echten Charakter. Diese viel zu plump gerate Sequenz stört den bisher so leichten und trotzdem in sich logischen Fluss der Handlung.
 
Es folgt eine Nicht-Sexszene, deren Intention nachvollziehbar ist, die aber innerhalb der Handlung keinen Sinn ergibt. Man versteht, was der Drehbuchautor Borgli vermitteln wollte. Und der Regisseur Borgli hat diese Szene auch sehr viel feiner inszeniert, als es andere Filmemacher vielleicht getan hätten. Aber in diesem Abschnitt der Handlung geht es eben darum, dass Paul in den Träumen anderer keine aktive Rolle spielt. Drehbuchautor und Regisseur Borgli gibt sich also ziemliche Mühe und widerspricht seiner eigenen Story, um uns einen recht aufwendigen Furz-Witz zu präsentieren, den der Film weder an dieser noch an irgendeiner anderen Stelle gebraucht hätte.
 
In der zweiten Hälfte des Films funktioniert „Dream Scenario“ weniger und weniger. Es folgt eine Wendung, die ich hier nicht verraten möchte und die viel Potential geboten hätte. Leider wird dieses Potential komplett verschenkt, weil Borgli sich dafür entscheidet, seine Gesellschaftskritik auf dem Niveau von „Millenials sind alle sooo empfindlich“ weiter zu betreiben. Damit beschreitet Borgli gefällige und ausgetretene Pfade. Sein Film gerät an der Stelle weniger interessant und beginnt qualitativ abzusacken.
 
 
Wenn der Professor ein selbstmitleidiges Entschuldigungsvideos ins Netz stellt, in dem er sich selbst als größtes Opfer bezeichnet kommt uns das bekannt vor und erfüllt uns noch einmal mit Hoffnung für den Film. Aber bald ist Borgli wieder sehr gefällig und konventionell unterwegs. Die Ehefrau zeigt in der Krise weder Verständnis noch Loyalität. Der Professor muss ein deprimierendes Notfallquartier beziehen. Und „cancel-culture“ ist furchtbar. So weit so unoriginell.
 
Gegen Ende wollte Drehbuchautor Borgli wohl noch einmal eine neue und unkonventionelle Idee umsetzen und beschert seinem Film einen Schluss, der ebenso hanebüchen wie dämlich ist und einfach nur die Intelligenz des Publikums beleidigt. Zusammen mit der Regie Borglis, deren subtiler Stil vom Beginn des Films mittlerweile komplett verlorengegangen ist, beschert uns das einen der ärgerlichsten Filmschlüsse der Filmgeschichte. „The Village“ mal „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“ gebrochen durch Tim Burtons „Planet der Affen“.
 
The most interesting person in the world
 
Und am Ende ärgert man sich über vergebene Chancen und verschenktes Potential, auch für die Darsteller. Die Emmy-Gewinnerin Julianne Nicholson ist eine dieser großartigen Nebendarstellerinnen, die jeden Film bereichern. Sie war das Beste an „Im August in Osage County“ und war in „I, Tonya“ kaum zu erkennen. In der ersten Hälfte von „Dream Scenario“ zeigt sie die großartige, subtile Entwicklung einer Frau, die sich längst mit ihrem Mann und dem was er darstellt abgefunden hat und sich dann mit einer Veränderung arrangiert. Wenn sie aber gegen Ende des Films das Klischee der verständnislosen Ehefrau abzuliefern hat, ist das einfach nur schade.
 
Nicolas Cage dreht seit geraumer Zeit vier bis fünf Filme pro Jahr, die fast alle nicht im Kino sondern nur auf Streaming-Diensten oder DVD veröffentlich werden. Und das absolut zu Recht. Mit Schrott wie „Arsenal“, „The Watcher“ oder „Kill Chain“ mag Herr Cage seine Steuerschulden bezahlen, im Kino muss man dergleichen nicht sehen. „Massive Talent“ war einer von zwei gelungenen Filmen in Cages später Karriere. Aber darin hat Cage nicht nur sich selbst gespielt, er hat den Film mit seinem „over-acting“ in der Darstellung seiner eigenen Person auf eine doppelte Metaebene gehobenen.
 
Seine Darstellung in „Dream Scenario“ ist subtil und doch effizient. Er arbeitet hier mit dem Skalpell, nicht mit dem Holzhammer. Wenn Paul dumme Scherze macht und dabei immer auf die Reaktionen seines Gegenübers achtet, lässt uns Cage das Wesen dieses Menschen in seiner ganzen Unsicherheit und Langweiligkeit erkennen. Dabei gelingt Cage das Kunststück, diesen Paul nie völlig erbärmlich und immer nachvollziehbar wirken zu lassen.
 
Cages Darstellung hier erinnert an seine Leistungen in „The Weather Man“, den wir hier vor einiger Zeit besprochen haben oder an seine Doppelrolle in „Adaption“. Beide Filme haben bereits einige Jährchen auf dem Buckel und es ist interessant zu sehen, was für ein hervorragender Charakterdarsteller Nicolas Cage noch immer ist. Oder sein kann. Wenn „Dream Scenario“ trotz seiner Schwächen immer noch sehenswert ist, dann vor allem wegen seines Hauptdarstellers.
 
 
Fazit
 
„Dream Scenario“ ist ein mutiger Film. Aber am Ende ist der Film doch leider nicht so mutig und nicht so besonders, wie sein Autor und Regisseur denkt. Filmfans müssen selbst entscheiden, ob das Scheitern des Films in der zweiten Hälfte entschuldbar ist. Sehenswert ist der Film schon wegen seines Hauptdarstellers.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Kristoffer Borgli
  • Drehbuch: Kristoffer Borgli
  • Besetzung: Nicholas Cage, Michael Cera