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Belfast - Kinostart: 24.02.2022

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BELFAST ist der persönlichste Film von Autor und Regisseur Kenneth Branagh.
 
Er erzählt hier von seinem eigenen Leben als Junge in den späten 1960er Jahren in Belfast. Das macht er in ausdrucksstarkem Schwarzweiß, spielt jedoch auch mit den Mitteln der Farbe. Sein Werk wurde schon jetzt anerkannt – es gab sieben Oscar-Nominierungen.
 
Die Zeit der Troubles
 
In Nordirland spricht man recht unaufgeregt von den Troubles, dem Ärger. Dabei handelt es sich um den eskalierenden Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten, den die Zentralregierung in London mit der Entsendung von Truppen zu entschärfen versuchte. Inmitten jener Zeit spielt BELFAST. Es ist das Jahr 1969.
 
Der kleine Buddy, aber auch sein Bruder, erhalten von ihrem Vater eine Ansprache. Sie sollen sich nicht auf die Seite von irgendjemanden schlagen. Der Vater, der nur alle zwei Wochen von London, wo er arbeitet, zurückkommt, weiß sehr genau, was sonst passieren könnte – seine Söhne könnten ins Kreuzfeuer kommen. Denn die Gewalt hat auch ihre Straße erreicht. Autos werden angezündet, Fenster eingeschlagen, Läden verheert – weil die protestantische Mehrheit die katholische Minderheit loswerden will. In der aufgeheizten Situation muss die Familie eine folgenreiche Entscheidung treffen. Soll sie in Belfast bleiben oder ihr Glück andernorts suchen?
 
Die Macht des Kinos
 
In den ersten Minuten zeigt Branagh Bilder des heutigen Belfasts. Sie sind in Farbe, sie decken Wahrzeichen der Stadt ab, zeigen aber auch ein Panorama. Dann fängt die Geschichte an und der Film wird schwarzweiß. Mehr als 50 Jahre sind seit dem Zeitpunkt, zu dem diese Geschichte spielt, vergangen. Aber verändert hat sich nicht viel. Katholiken und Protestanten im heutigen Belfast gehen sich immer noch an die Gurgel, eine riesige Mauer trennt ihre Viertel voneinander ab, aber die Gewalt ist allgegenwärtig. Die Hoffnung des Films ist, dass es einmal anders werden könnte. Die Realität hat diese Hoffnung enttäuscht.
 
Branagh ist exzellent darin, mit den Mitteln des Kinos zu spielen. Dass er die Geschichte schwarzweiß erzählt hat, lässt sie drückend erscheinen. Alles hat einen Hauch von Tristesse. Aber durchbrochen wird sie von den glücklichen Momenten im Kino. Als Buddy und seine Familie EINE MILLION JAHRE VOR UNSERER ZEIT sehen, ist die Leinwand farbig. Eine starke Metapher dafür, dass das Kino ein Gefühl der Hoffnung und des Optimismus in eine Welt der Traurigkeit bringen kann. Branagh nutzt diesen Effekt noch mehrmals, etwa, wenn er Buddy TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG sehen lässt. Es ist das Kino, das den kleinen Buddy – und damit Kenneth Branaghs Alter Ego – berührt und inspiriert.
 
Auch schön: In einer Szene liest der kleine Buddy einen „Thor“-Comic. Jahrzehnte später sollte er den ersten Film mit dem Marvel-Donnergott inszenieren.
 
 
Die Troubles
 
Der Film ist exzellent darin, den Glaubenskonflikt darzustellen. Er ist – wie dies bei diesen Fällen immer ist – so unverständlich. Nachbarn beginnen einander zu hassen, die Gewalt eskaliert, und das alles nur wegen Religion. Was in Belfast, was in Nordirland, passiert ist und passiert, wirkt wie aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit. Aber die Welt ist hier, die Zeit ist jetzt. Nichts hat sich verändert. Um das zu sehen, reicht ein Besuch im heutigen Belfast.
 
Das Wissen um diesen Hintergrund verleiht BELFAST besondere Wirkung. Weil man eine Welt sieht, die nicht so sein müsste. Branagh fängt das in perfekten Bildern ein. Er nimmt den großen Konflikt und bricht ihn auf einer persönlichen Eben herunter.
 
Für Branagh ist BELFAST schon ein Triumph. Der Film erhielt sieben Oscar-Nominierungen, darunter in den wichtigen Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Drehbuch. Würde er in allen drei Kategorien gewinnen, wäre Branagh erst der neunte Künstler, dem dies gelungen ist. Einen anderen Rekord hat er auch schon aufgestellt. Im Verlauf seiner Karriere wurde er in sieben verschiedenen Kategorien für den Oscar nominiert. Das ist bislang niemandem gelungen.
 
 
Fazit
 
BELFAST ist ein eindrucksvolles Drama, das das Augenmerk auf einen Konflikt richtet, der noch längst nicht ausgestanden ist. Der Film behandelt so das große Ganze, tut das aber auf einer kleinen, sehr persönlichen Ebene. Jungdarsteller Jude Hill als Branaghs Alter Ego ist hervorragend, das übrige Ensemble, zu dem Caitriona Balfe (OUTLANDER), Jamie Dornan (THE FALL), Ciaran Hinds (GAME OF THORNES) und Judi Dench (JAMES BOND: SKYFALL) gehören, ist nicht minder großartig. Kurz gesagt: Ein packender Film.
 
 
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Peter Osteried
  • Regisseur: Kenneth Branagh
  • Drehbuch: Kenneth Branagh
  • Besetzung: Jude Hill, Caitriona Balfe