Herz und Hirn, Gefühl und Verstand. Den meisten Filmen fehlt das eine oder das andere.
Vielen Filmen fehlt leider beides…
I got you a gig and the pay is actually pretty good
Der Film beginnt mit einer berührenden kleinen Szene, die das Deprimierende an Vorsprechen vermittelt und gewährt uns dann Einblicke in das einsames Leben eines Fremden in einem fremden Land. Wir sehen den erfolglosen amerikanischen Schauspieler Phillip, der seit Jahren in Tokyo lebt. Eines Tages erhält er ein ungewöhnliches Rollenangebot von einer ganz besonderen Vermittlungsagentur. Er soll einen „token white guy“ darstellen. Allerdings nicht in einem Film oder einer Fernsehserie…
„Rental Family“ ist etwas ganz Besonderes. Denn der zweite Spielfilm der japanischen Regisseurin Hikari wurde mit Herz und Hirn gedreht. „Rental Family“ ist ein Film mit Gefühl und Verstand. Und er spricht auch beim Publikum sowohl Herz als auch Hirn, sowohl Gefühl als auch Verstand an. Hikari hat nach ihrem Erstling „37 seconds“ nicht einfach einen plumpen Tearjerker gedreht. Ihr Film ist nicht vergleichbar mit emotional manipulativen Filmen wie „Die Farbe Lila“ oder „The Whale“ und ja, ich gönne Brendan Fraser den Oscar und ja, ich weiß, ich hacke vielleicht ein bisschen viel auf Darren Aronofsky herum. Doch das liegt bloß daran, dass seine Filme wirklich furchtbar primitiv gemacht sind…
Aber ich schweife ab. Zurück zum Thema: „Rental Family“ ist auch nicht mit brillanten, hochintelligenten Dramen wie „Oppenheimer“ oder „The Brutalist“ zu vergleichen, weil es diesen Filmen leider einfach an Herz fehlt. Beide waren übrigens NICHT die besten Filme ihres Jahres, das waren jeweils „Barbie“ und „Für immer hier“, zwei Meisterwerke, die nicht nur Hirn sondern auch Herz hatten und nicht nur den Verstand sondern auch das Gefühl ansprechen konnten, aber das nur so nebenbei.
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„Rental Family“ behandelt schwierige emotionale Themen wie Verlust, Einsamkeit oder die Frage wie aufrichtig wir in unterschiedlichen Beziehungen sein können, dürfen oder müssen und noch vieles mehr. Und es behandelt all diese Themen auf eine ganz besondere Art und Weise, die zwar sehr zugänglich wirkt, dem Publikum aber genug Raum lässt, selbst wahrzunehmen und zu entscheiden, was es von den Figuren auf der Leinwand und ihren Handlungen hält. Hikari hat Phillip als Hauptfigur des Films geschrieben und inszeniert. Ob und wie weit wir ihn als Helden sehen wollen, bleibt dann uns überlassen.
Hikari liefert uns auch keine Bösewichte, nicht einmal Antagonisten. Der Betreiber der Agentur, die feindselige Kollegin, die Mutter eines kleinen Mädchens, die Tochter eines Greises, … sie alle sind einfach nur Menschen. Echte Menschen, nicht bloß Nebenfiguren in einem Film. Menschen mit eigenen Geschichten, Sorgen und Problemen. Sie machen nicht dem Helden das Leben schwer, sie versuchen bloß so gut es geht ihr eigenes Leben zu leben.
Bei all dem Herz, bei all den Emotionen arbeitet Regisseurin und Co-Autorin Hikari auch mit viel Hirn und spricht unseren Verstand an. Mehr noch, sie vertraut darauf, dass wir beides benutzen. Für ihren Film darf man sein Gehirn nicht an der Garderobe abgegeben haben. In diesem Film wird uns die Handlung nicht nur im Dialog erklärt. Wir erleben sie zusammen mit den Charakteren. Wie auch der Betreiber der Agentur können wir Phillip schnell einschätzen. Wie er wissen wir, Phillip ist weder in seiner Karriere noch in seinem Leben dort, wo er gerne wäre. Daher erkennen wir sofort, wie und womit der Agenturchef den Schauspieler überzeugen kann, für ihn zu arbeiten.
Hikari hat einen Film für Menschen mit Herz und Hirn gemacht. Daher vermittelt sie nicht nur Emotionen, sie erzählt eine berührende Geschichte auf intelligente Art und Weise. In ihrem Film müssen Handlungslöcher nicht ignoriert werden. Offene Fragen werden hier auch mal ausgesprochen. So etwa, wenn Phillip sich als Bräutigam einer jungen Frau ausgeben soll, er gleich den Altersunterschied anspricht und die junge Dame eine intelligente Antwort gibt, mit der sie einen interessanten Einblick in ihre Welt und die ihrer Eltern gewährt.
Natürlich ist der Film nicht perfekt. Eine Krise im dritten Akt ist auf merkwürdige Art gleichzeitig zu kompliziert und zu einfach geschrieben und hätte anders verlaufen oder besser gestrichen werden müssen. Aber selbst an dieser Stelle kann die Regisseurin einen der wenigen Fehler der beiden Drehbuchautor*innen Stephen Blahut und eben Hikari selbst ausgleichen.
Hikari lässt uns nicht nur Menschen sondern auch Orte sowohl emotional erfahren als auch mit dem Verstand verstehen. Tokyo ist hier nicht bloß wieder einmal eine beeindruckende Kulisse. Die Stadt besteht hier tatsächlich aus vielen verschiedenen Orten und Gegenden, die alle Lebensraum für viele verschiedene Menschen sind. Nicht jeder lebt in einem glitzernden Wolkenkratzer in Sichtweite der Shibuya-Kreuzung. Wenn wir Phillips Wohnung sehen und wie er die Aussicht betrachtet, erfahren wir, wo dieser Mensch in seinem Leben steht. Wenn wir dann sehen, wie anders der Betreiber der Agentur lebt, erfahren wir viel über ihn und sein Leben. Selbst ein Hotelzimmer erzählt uns etwas über die Gäste, die dort eine besondere Nacht verbringen.
I’m just an actor. I don’t know, how to help people
In “Rental Family” geht es immer um Menschen. Und diese Menschen werden von einem fantastischen Ensemble dargestellt. Einer der Stars des Films ist die junge Shannon Gorman. Sie spielt ein kleines Mädchen, dessen alleinerziehende Mutter Phillip als Ersatzvater engagiert, um die Chancen der Aufnahme ihrer Tochter an einer Eliteschule zu erhöhen. Shannon Gorman vermittelt uns sowohl die kindliche Verspieltheit als auch die ganze Ernsthaftigkeit, die Elfjährige in sich haben können. Ihre Figur entwickelt sich im Laufe des Films weiter, wirkt aber nie altklug. Wenn Phillip nebenbei erwähnt, seine Vorfahren seien aus Irland ausgewandert und sie fasziniert feststellt, zum Teil Irisch zu sein, möchte man das kleine Mädchen einfach nur in den Arm nehmen und festhalten.
Akira Emoto ist bei uns kaum bekannt, hat aber in Japan im Lauf von fünf Jahrzehnten in mehr als dreihundert Film- und Fernsehproduktionen mitgespielt. Er vermittelt uns, wie viel ein gealterter Schauspieler gelernt und erfahren, aber auch verloren hat. Takehiro Hira („Gran Turismo“) spielt eine Figur, die zunächst nur wenig Preis gibt. Nur langsam erfahren wir, wie weit der Betreiber der Agentur sein Spiel tatsächlich treibt.
Wie Takehiro Hira war auch Mari Yamamoto in der Fernsehserie „Monarch: Legacy of Monsters“ zu sehen. Weil ich bisher gar nicht wusste, dass uns Monster irgendwas vermacht hätten, kann ich über ihre Leistung in dieser Serie nichts berichten. In „Rental Family“ stellt sie kein bisschen theatralisch und doch absolut überzeugend eine starke junge Frau mit jeder Menge Hirn und noch mehr Herz dar. Von ihrer Figur hätte man gerne mehr erfahren, so wie wir die fähige Darstellerin demnächst gerne in größeren Rollen sehen möchten.
Man könnte sagen, Brendan Fraser hat in seiner Karriere oft Unglück im Glück gehabt. Er war immer schon ein großartiger Charakterdarsteller, der sich bereits vor bald dreißig Jahren neben Sir Ian McKellen im leider fast vergessenen „Gods and Monsters“ behaupten konnte. Aber er hatte das Unglück mit einer Komödie bekannt („Steinzeit Junior“) und mit einer Action-Fantasy-Spektakel-Reihe weltberühmt geworden zu sein („Die Mumie“, „Die Mumie kehrt zurück“, „Die Mumie: diesmal eben Terrakotta-Soldaten“). Anders als viele Darsteller, die ihre Oscars zu spät für den falschen Film bekommen haben (Leonardo DiCaprio für „The Revenant“ den Oscar, den er für „Aviator“ verdient hatte, Joaquin Phoenix für „Joker", statt für „Walk the Line“ und „The Master“ usw.) hat Fraser seinen Oscar zu früh für den falschen Film bekommen und zwar für „The Whale“ statt für „Rental Family“.
Wenigstens hatte Hikari ein glückliches Händchen, als sie ihn in der Rolle des glücklosen Schauspielers besetzt hat. Wie auch schon bei „The Whale“ darf Fraser seinen ganzen Körper einsetzen, bloß diesmal eben sehr viel subtiler. Fraser ist 192 cm groß, hatte immer schon breite Schultern und wie das bei Herren über 50 schon mal passieren kann, haben das Leben und das Erlebte irgendwann nicht mehr bloß die Schultern breit werden lassen (der Autor schreibt aus eigener Erfahrung). Unaufdringlich, rücksichtsvoll, ja richtiggehend sanft bewegt sich Frasers Figur durch Tokyo und bleibt doch schon wegen seiner äußeren Erscheinung immer weithin als „Gaijin“, als Fremder und Außenseiter, erkennbar.
Sanft lächelnd macht dieser Phillip das Beste aus seiner Rolle als „token white guy“. Wenn er sich bald zu sehr engagiert, lässt uns das auch seine eigene Einsamkeit erkennen. Wenn dieser Phillip immer ein bisschen zu viel von sich preisgibt, achten wir bald darauf, was er nicht erzählt. Aufmerksame Betrachter sehen hier die Darstellung eines Menschen als Summe seiner Erfahrungen, dessen Lebenssituation das Produkt seiner Entscheidungen ist. Fraser vermittelt mit Herz und Hirn, unaufdringlich und kein bisschen plakativ, eine tiefe Menschlichkeit, die sowohl Gefühl als auch Verstand anspricht.
Fazit
Dieser Film ist nicht nur hervorragend gemacht. Er hat darüber hinaus etwas, was vielen Filmen fehlt: Herz und Hirn, Gefühl und Verstand. Das macht ihn zu einem der schönsten Filme des Jahres.
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