Ein Superheldenfilm über Supergirl, die Cousine von Superman, hat gefälligst „super“ zu sein.
Wenigstens Teile davon sollten „super“ sein, … die Heldin, die sollte doch auf jeden Fall „super“ sein, … oder?
Just be good
Der Inhalt ist schnell wiedergegeben. Supergirl ist leichtsinnig, meidet Verantwortung und hat ganz allgemein keinen Bock, super zu sein. Eine junge Frau verliert ihre Familie beim dämlichsten Massaker der Filmgeschichte, sucht Rache und bittet Supergirl um Hilfe. Die will nicht helfen, wird dann durch einen wieder recht dämlichen Zwischenfall mit dem versorgt, was Nachwuchsdrehbuchautorin Ana Nogueira was heutzutage wohl als Motivation für eine Heldin durchgeht und von da an wird der Rest des Films dann auch nicht mehr besser.
Nach der Zusammenfassung dessen, was die Handlung von „Supergirl“ darstellen soll, brauche ich erstmal mal eine kleine Pause. Vielleicht nutze ich diese, indem ich wieder dieses alte-Männer-Ding abziehe und erstmal über einen anderen Film aus der Vergangenheit schreibe …
Der erste „Supergirl“-Film von 1984 kam zu einem Zeitpunkt in die Kinos, als das 1978 von Richard Donners „Superman“ ausgelöste Interesse an Superheldenfilmen schon wieder im Schwinden begriffen war. Der Film war ein künstlerischer und kommerzieller Flop und ist heute zu Recht fast vergessen. Der große Roger Ebert schrieb damals „We look at her (Hauptdarstellerin Helen Slater) and we see Supergirl. We look around her and we see the results of a gag-writer’s convention.“. Die Version von 1984 teilt also viele Gemeinsamkeiten mit dem neuesten Film rund um Supermans Cousine. Trotzdem fällt der direkte Vergleich zu Ungunsten der neuen Version aus.
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Es ist offensichtlich, dass bei Superheld*innenfilmen die Luft raus ist. Es ist schon fraglich, ob wir 2026 überhaupt noch Superheld*innen in Filmen brauchen. Aber wenn schon, dann brauchen wir 2026 definitiv eine neue Art von Superheld*innen in diesen Filmen. Wir brauchen 2026 eine andere Heldin als 1984. Und die neue Version ist sicher anders. Leider funktioniert sie nicht. Wenn wir 2026 die Hauptdarstellerin Milly Alcock ansehen, sehen wir leider kein Supergirl. Und wenn wir uns das Drumherum anschauen, sehen wir die Ergebnisse einer Nerd-Convention.
Drehbuchautorin Ana Nogueira war bisher als Schauspielerin mäßig erfolgreich. „Supergirl“ ist ihr erstes verfilmtes Drehbuch für einen Langfilm. Und ich weigere mich zu glauben, sie könnte dieses Drehbuch allein verfasst haben. Was wir hier auf der Leinwand bewundern dürfen, ist definitiv von einem Komitee von männlichen Autoren verbrochen worden, die sich noch nicht einmal auf gemeinsame Inspirationsquellen einigen konnten.
Man kann sich während der 108 Minuten Laufzeit, die einem erstaunlich lang vorkommen werden, wunderbar die Zeit damit vertreiben, zu raten, wie viele der ungenannten Autoren überzeugte Fans der „Guardians of the Galaxy“ sind und wie viele „Mad Max: Fury Road“ als Lieblingsfilm angeben würden. Natürlich lieben alle Nerds Star Wars, weshalb wir mehrere plumpe Reminiszenzen an die Cantina in Mos-Eisley zu sehen bekommen. Und ich sende an dieser Stelle ganz besondere Grüße an den Autoren, der seine Vorliebe für Klischees aus alten Cop-Filmen immer wieder einfließen lassen konnte. In ausgedehnten Rückblenden sprechen die Bewohner von Krypton bzw. Argo sehr viel Dialog in ihrer für uns Erdlinge unverständlichen Sprache, was wiederum für schräge „Passion Christi“-Vibes sorgt.
Ich wiederhole: ich weigere mich zu glauben, Ana Nogueira könnte dieses Drehbuch allein verfasst haben. Sollte das aber tatsächlich der Fall sein, hat sie das mieseste Erstlingsdrehbuch seit Tommy Wiseaus „The Room“ verfasst. Wir alle dürfen gespannt auf die verschiedenen bereits für die nächsten Jahre angekündigten DC-Filme warten, deren Drehbücher teilweise auch von ihr stammen sollen.
Inszeniert hat diese Sammlung aus alten und etwas neueren, aber niemals recht zueinanderpassenden Filmklischees der Australier Craig Gillespie. Der Mann hat bisher mit „Lars und die Frauen“ und „I, Tonya“ zwei unterschätze Meisterwerke und mit „Cruella“ eine witzige, unterhaltsame Origin-Story inszeniert. Seine neueste Origin-Story ist sicher kein Meisterwerk und wird kaum jemals richtig witzig noch unterhaltsam. Das in viel zu vielen und viel zu langen Rückblenden erzählte Trauma der Heldin ist das schlimmste der vielen Klischees dieses Film. Gillespies plumpe Regie hilft der Story kein bisschen und wirkt oft unfreiwillig komisch, etwa wenn die Rettungskapsel extra so gebaut und ausgerichtet wurde, dass unserer Heldin gar keine andere Wahl bleibt, als ihren sterbenden Vater und ihre sterbende Welt viel zu lange im Blick zu behalten.
Stop freaking out!
Unfreiwillig komisch wirkt zuweilen auch die Hauptfigur dieses Films. Aber bloß, wenn sie uns nicht gerade auf die Nerven fällt. Filme rund um weibliche Superheldinnen können wunderbar funktionieren. „Wonder Woman“ ist immer noch der beste DC-Film der letzten 10 Jahre und „Captain Marvel“ von 2019 rangiert qualitativ sicher in der oberen Hälfte des MCU. Aber zwei gute Filme mit weiblichen Superheldinnen sind ein bisschen wenig. Wir brauchen eindeutig mehr weibliche Heldinnen im Popcorn-Kino. Aber das nervige „pick-me-girl“ in diesem Film funktioniert nicht als „Heldin“. Sie funktioniert nicht als „Supergirl“. Diese Figur funktioniert einfach gar nicht.
Das liegt sicher zum größten Teil am Drehbuch. Ich bleibe dabei: die Szenen rund um eine anstrengende, unsympathische Trinkerin, die sich als Heldin immer wieder im höchsten Maße inkompetent zeigt, wurden meiner Meinung nach nicht von einer Frau geschrieben, sondern von einer Bande von Nerds, die außer zu ihrer Mutter noch nie eine nähere Beziehung zu einer Frau hatten. An dieser Stelle ein gutgemeinter Hinweis: Filmemacher, die in ihrem Film eine Frau auf dem Klo zeigen, machen diese Figur dadurch weder nahbarer noch nachvollziehbarer noch sonst wie interessant. Sie zeigen bloß eine Frau auf dem Klo und sollten sich nach einem langen Blick in den Spiegel die Frage stellen, wozu das gut sein sollte und was die wahren Gründe für diese Entscheidung waren.
Habe ich schon meine Zweifel erwähnt, dass das Drehbuch von einer Frau allein geschrieben worden sein soll? Nicht nur das Drehbuch, sondern auch die Regie lassen sehr viel mehr „male gaze“ erkennen als viele vergleichbare Unterhaltungsfilme. Die zweite weibliche Hauptfigur muss um jeden Preis von Kampfhandlungen ferngehalten werden, jede einzelne weitere Frauenfigur dieses Films ist ein namenloses, austauschbares Opfer, und so weiter und so altmodisch. Höhepunkt des „male gaze“ und des ganzen Films: wenn die „Heldin“ endlich ihre Bestimmung akzeptiert, wird das visuell vermittelt, indem sie dann endlich Mini-Rock und hochhackige Stiefel trägt! Immer noch!! Im Jahr 2026!!! Ernsthaft!!!!
Nach einem Drehbuch mit solcher Figurenzeichnung und unter einer derart plumpen Regie, spielen die Darsteller*innen natürlich alle bergauf. Der Belgier Matthias Schoenaerts konnte in manchen Nebenrollen in internationalen Produktionen wie z.B. „Old Guard“ durchaus Eindruck hinterlassen. Hier sehen wir ihn als das klischeehafteste Klischee eines Filmschurken-Klischees das man jenseits von miesen B-Movies aus den Achtzigerjahren je gesehen hat (Kann sich noch jemand an „Metropolis 2000“ von 1983 erinnern? Genauso!). Es kann sich langfristig nur positiv auf Schoenaerts‘ Karriere auswirken, wenn er hier kaum zu erkennen ist.
Jason Momoa spielt in seinen wenigen Filmen, die nicht direkt auf DVD- oder Streamingdiensten erscheinen, immer leicht erkennbare Variationen seiner bekannten Persona. Ich vermute, man hat ihm für seine Auftritte als „Wasser-Typ“ oder „Ocean-Dude“ oder wie immer seine bisherige Figur im DC Extended Universe nochmal heißt, einen Vertrag über mehrere Filme unterschreiben lassen und zu spät bemerkt, dass es für ihn gar nicht genug zu tun gibt. Also darf er hier, nein, keine Figur, sondern ein reines Handlungselement namens „Lobo“ darstellen, das abgesehen vom Augen-Make-up und der Tatsache, dass es ein futuristisches Motorrad statt eines Seepferdchens reitet, nur wenig Unterschiede zu seiner anderen Figur im DC Extended Universe erkennen lässt.
Eine sympathische junge Frau namens Eve Ridley spielt die zweite Hauptrolle der sympathischen jungen Frau wenig überraschend als sympathische junge Frau.
Weil ich keine der vielen Fernsehserien gesehen habe, in denen Milly Alcock bisher aufgetreten ist, kann ich nicht beurteilen, ob sie tatsächlich eine nervige, unsympathische Schauspielerin ist oder einfach ein Opfer des miesen Drehbuchs und der uninteressierten Regie. Entscheiden wir also im Zweifel für die Angeklagte und warten gespannt auf weitere Filme mit der jungen Darstellerin.
Fazit
An diesem Film ist leider rein gar nichts „super“. Weder die klischeehafte Story, noch die klischeehaften Figuren, noch die klischeehafte restliche Gestaltung des Films.
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