Pressure - Kinostart: 17.09.2026

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Wenn man mit jemanden nichts zu besprechen hat, redet man mit ihm übers Wetter ….
 
Get me the data!
 
Auszug aus der Einladung zur Pressevorführung: „England, Juni 1944: Unter dem Oberbefehl von US General Dwight D. Eisenhower steht die größte See-Invasion der Menschheitsgeschichte kurz bevor. Ob der Angriff der Alliierten in der Normandie gelingt, hängt jedoch von einer entscheidenden Bedingung ab – dem richtigen Wetter. In den letzten, entscheidenden 72 Stunden vor dem D Day muss der britische Chefmeteorologe Captain James Stagg die folgenreichste Vorhersage seines Lebens treffen und gerät dabei in einen erbitterten Konflikt mit der alliierten Führung ….
 
Weil ich diese Rezension wenige Tage nach dem Tod des großen Sam Neill schreibe und auch einfach, weil mir danach ist, folgen nun einige Zeilen über einen älteren, sehr viel besseren Film. „The Dish“ ist ein australischer Film aus dem Jahr 2000. Darin wird eine witzige und berührende Geschichte erzählt, über die Mitarbeiter eines Radioteleskops, das mitten im australischen Nirgendwo auf einer Schafsweide steht und 1969 plötzlich die Aufgabe hat, den Kontakt zu Apollo 11 aufrecht zu halten und die Bilder von der ersten Mondlandung einzufangen und an die ganze Welt weiterzuleiten.
 
Die Macher dieses wunderbaren kleinen Films haben vor 26 Jahren alles richtig gemacht. „The Dish“ erzählt kleine Geschichten rund um echte Menschen, die alle ihre kleinen Teile des bedeutenden Ereignisses bilden und zu seinem Gelingen beitragen. Dabei nimmt der Film sich nie zu ernst. Die Besetzung, allen voran der großartige Sam Neill, spielt unprätentiös und stets nachvollziehbar. Ganz nebenbei lernt man auch noch etwas über die technischen Hintergründe und wird doch anderthalb Stunden gut unterhalten. Ach, hätten sich die Macher von „Pressure“ doch irgendwann mal „The Dish“ angesehen ...
 
Wir alle kennen das: wenn man zufällig jemanden trifft, mit dem man bekannt ist, den man aber tatsächlich nicht gut genug kennt oder der zu uninteressant ist, um ein echtes Gespräch mit ihm zu führen, bleibt einem nach dem Eröffnungsdialog („Wie geht’s?“ „Muss ja. Und selbst?“ „Auch so“) nur noch ein Thema: das Wetter. Wetter geht immer. Auch wenn man sonst nix zu erzählen hat. Nachdem nun wirklich alle, aber wirklich alle Geschichten, Episoden und Abenteuer des Zweiten Weltkriegs wieder und wieder erzählt wurden, sind die Macher von „Pressure“ wohl zum gleichen Schluss gekommen.
 
Aber anders als die Macher von „The Dish“ bestehen sie darauf, dass ihr Thema ja doch der aller-allerwichtigste Aspekt an der ganzen Landung in der Normandie war. Diese Botschaft rufen sie dem Publikum immer und immer wieder ins Gedächtnis, von Anfang bis zum bitteren Ende, wenn uns eingeblendete Texttafeln nochmal daran erinnern, bloß für den Fall, dass wir gerade 99 von 100 Minuten Laufzeit verpennt haben. Und irgendwann beginnt man sich zu fragen, warum Autor David Haig und Regisseur und Co-Autor Anthony Maras darauf bestehen, diese Botschaft, die ja gar niemand bestreiten möchte, immer und immer zu betonen? Vielleicht weil sie irgendwo tief drinnen selbst wissen, dass ihr Thema vielleicht wichtig aber sicher nicht besonders spannend ist und filmisch nicht viel hergibt?
 
Aber man wollte doch ein Filmdrama drehen! Das ganz große Drama vor dem Hintergrund des noch viel größeren ganz großen Dramas. Drama! Also muss die Frau des Helden hochschwanger sein. Und das Krankenhaus muss bombardiert werden. Und es darf und kann keine Telefonverbindung zum Krankenhaus geben. Und es muss Kompetenzgerangel geben, die so damals nie zur Debatte gestanden hätten. Und erfahrene, hochrangige Offiziere müssen in anspruchsvollen Momenten mit ihren Gefühlen hadern. Und zu den Klängen der Gesänge eines Gottesdienstes muss der dramatische Wetterumschwung kommen. Und ein Klavierdeckel muss so zugeknallt werden, dass das ganze Instrument klingt, als hätte man es eben aus dem ersten Stock fallen lassen. Und dazwischen gibt es noch ein wenig Schlachtengetümmel, aber nicht zu viel wegen des Budgets …
 
Und weil man sich nicht sicher war, ob das alles fürs große Drama reicht (immerhin redet man in dem Film übers Wetter) musste man noch zeigen, wie viel genialer der Held der Geschichte ist als alle anderen Figuren um ihn herum. Und was machen mittelmäßige Autoren jedes Mal, wenn sie die Genialität ihrer Hauptfigur herausstreichen wollen? Natürlich! Sie lassen ihre Hauptfigur herablassend, unhöflich und ganz allgemein sozial ungeschickt auftreten. Das alte Klischee vom Genie, das einfach sehr viel klüger ist als alle anderen und sich daher nicht auch noch um solche Kleinigkeiten wie Umgangsformen kümmern kann, hat doch bereits in ach so vielen Sherlock-Holmes-Verfilmungen funktioniert, da wird es doch in einem Film übers Wetter auch noch funktionieren.
 
Also bezeichnet der Held dieses Films einen anderen Offizier, der im Rang deutlich über ihm steht, als „Moron“ und ignoriert Befehle. Und weil die Autoren nun wirklich gar keine Ahnung hatten, wie es beim Militär tatsächlich zugeht, lassen sie den neuen Offizier auch gleich der Adjutantin des Oberbefehlshabers dumm kommen. Und weil die Autoren nicht nur keine Ahnung vom Militär, sondern auch vom Leben, dem Universum und dem ganzen Rest hatten, ist es eben diese Adjutantin des Oberbefehlshabers, die für den Rest des Films ihre schützende Hand über den Helden hält. Sie ist immerhin die einzige weibliche Hauptfigur, somit ist das einfach ihre Aufgabe.
 
What’s done, is done
 
Während sich vor mehr als einem Vierteljahrhundert in „The Dish“ viele herrlich menschelnde, kleine Geschichten zu einer großen Geschichte verdichteten, passiert in „Pressure“ nichts dergleichen. Figuren treten auf, sprechen ihre Dialogzeilen und treten wieder ab. Wenn der Held erklären darf, warum er sich mit Wetter befasst, kommt das zu spät und wirkt zu aufgesetzt, als dass er dadurch noch unser Interesse wecken könnte. Wenn der Oberbefehlshaber der Alliierten aufs Stichwort unnötig und unpassend emotional wird, hilft das auch nicht mehr. Die altmodische, plump klischeehafte und leider komplett vorhersehbar Handlung ist bereits ein Jammer, weil darin die zeitlose Botschaft untergeht, dass man Fakten nicht einfach ignorieren kann, wenn sie einem nicht passen. Aber die altmodischen, plump klischeehaften Figuren mit ihren leider komplett vorhersehbaren Aktionen und Reaktionen, geben dem Film den Rest.
 
Andrew Scott ist einer der interessantesten und sympathischsten Darsteller des englischen Sprachraums. Er war herrlich verachtenswert in „Sherlock“, wunderbar liebenswert in „Fleabag“ (eine Serie, auf die hinzuweisen ich nie müde werde) und hat uns vor drei Jahren in „All of Us Strangers“ das Herz gebrochen. Und auch hier spielt er seine Figur des genialen Meteorologen so gut es eben geht. Nach diesem Drehbuch und unter dieser Regie geht es nur leider nicht besonders gut.
 
Jeder echte Filmfan hat Brendan Fraser sein Comeback vom Herzen gegönnt. Und ich habe auch kein Problem damit, dass er seinen Oscar für einen der anstrengendsten und überzogensten von Darren Aronofskys vielen anstrengenden und überzogenen Filme bekommen hat. Erst neulich hat Fraser ja in „Rental Family“ bewiesen, wie subtil er auch arbeiten kann. Mit seiner anstrengenden und überzogenen Darstellung von General Eisenhower empfiehlt er sich aber vor allem für eine erneute Zusammenarbeit mit Darren Aronofsky. Man muss sich fragen, wie Fraser, aber auch Regisseur Anthony Maras auf die Idee kommen konnten, den Mann, der die Alliierten stets besonnenen und ebenso ruhig wie diplomatisch durch den Krieg in Europa kommandiert hat, so emotional instabil und selbstmitleidig darzustellen, wie er in diesem Film dargestellt wird.
 
Damian Lewis liefert eine Parodie auf Fieldmarshall Montgomery und auf eingebildete Briten ganz allgemein. Zum Ausgleich dazu liefert Chris Messina eine Parodie auf eingebildete Amerikaner. Man kann Chris Messina nur dringend zu einem längeren Gespräch mit seinem Agenten raten. Es ist eine Sache, wenn man ab und zu mal eine Rolle übernimmt, die keine echte Figur, sondern ein bloßes Handlungselement ist. Aber wir alle haben diesen Darsteller in unzähligen Filmen wie „Call Jane“, „Air: Der große Wurf“ oder „Juror #2“ doch noch nie etwas anderes als reine Handlungselemente darstellen sehen.
 
Kerry Condon war das emotionale und rationale Zentrum des großartigen Films „The Banshees of Inisherin“. Danach war sie das emotionale und rationale Zentrum des passablen „Night Swim“, bevor sie das emotionale und rationale Zentrum des durchgeknallten „F1“ war. Sie hat also jede Menge Übung darin, diese eine Frau in Filmen von Männern über Männer für Männer dazustellen und immer wieder das emotionale und rationale Zentrum dieser Filme zu sein. Hier ergeht es ihr ähnlich wie ihrem Filmpartner Andrew Scott. Sie bemüht sich so gut sie kann, aber mehr war einfach nicht drin.
 
 
Fazit
 
Wenn man mit jemanden nichts zu besprechen hat, redet man mit ihm übers Wetter. Und wenn man über die Invasion der Alliierten in der Normandie nichts mehr zu erzählen hat, erzählt man eine Geschichte vom Wetter. Das hätte vielleicht funktionieren können. Aber nur wenn die Geschichte sehr viel interessanter und origineller erzählt worden wäre.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Anthony Maras
  • Drehbuch: David Haig
  • Besetzung: Andrew Scott, Brendan Fraser