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Nightmare Alley - Kinostart: 20.01.2022

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Guillermo del Toro, einer der wenigen echten Künstler unter den lebenden ...
 
... Hollywoodregisseuren, hat wieder ein Kunstwerk geschaffen. Aber was für ein Kunstwerk hat er geschaffen?
 
People are desperate to be seen
 
Amerika in den Dreißigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts: Der Arbeits- und Heimatlose Stanton Carlisle hilft für 75 Cent beim Abbau eines Jahrmarkt aus und reist auch zur nächsten Station mit. Zwischen Freakshow, Karussell und Wahrsagern arbeitet er sich schnell ein. Von einem älteren Mentalisten lässt er sich in die Kunst der Täuschung einführen. Und Stanton entwickelt schnell tödlichen Ehrgeiz …
 
Die große Herausforderung für jeden Filmkritiker ist es, objektiv über jeden Film zu berichten und sich nicht vom eigenen Geschmack leiten zu lassen. Im deutschen Sprachraum schaffen das nur wenige Kritiker. Deshalb tendiert das Feuilleton auch dazu, Arthaus-Filme zu loben und oft nur herablassend zum Beispiel über Comicverfilmungen zu berichten. „Nightmare Alley“ entspricht völlig meinem persönlichen Geschmack und ist ganz objektiv betrachtet hervorragend. Trotzdem muss man leider feststellen, dass del Toro hier einen sehr schwierigen Film geschaffen hat.
 
In meiner Rezension zu „Shape of Water“ meinte ich „Del Toro macht seine Filme nicht damit sie von möglichst vielen Menschen gesehen werden. Die Menschen sollen einfach einen möglichst schönen und guten Film sehen. So schön und gut, wie Del Toro ihn zu schaffen vermag.“ Für seinen neuen Film gilt das ebenso. Vielleicht wird dieser Film nicht von vielen Menschen gesehen werden.
 
Das liegt zunächst mal am Genre. „Nightmare Alley“ ist ein klassischer „film noir“. Die erste Verfilmung von William Lindsey Greshams Roman, „Der Scharlatan“, ist 1947 entstanden und ein typisches Beispiel für Hollywoods „schwarze Serie“. In den Vierzigerjahren waren diese Filme mit ihren zwielichtigen Helden und „femme fatales“ extrem beliebt. Ab Mitte der Fünfziger wurden nur noch wenige Filme dieses Genres produziert: In den letzten Jahrzehnten kam mit Filmen wie „The Hot Spot“, „Romeo is bleeding“ oder „Sin City“ nur noch alle paar Jahre mal ein echter „film noir“ ins Kino. Und nur die allerwenigsten fanden ihr Publikum.
 
Trotzdem hat del Toro den ultimativen „film noir“ geschaffen, ohne zu fragen, wer diesen Film sehen möchte. Und dieser Film ist „très noir“. Ich würde gerne wieder schreiben, del Toro hat einen Film geschaffen, „so schön und gut, wie Del Toro ihn zu schaffen vermag“, aber „schön“ ist sicher nicht ganz das richtige Wort, um diesen Film zu beschreiben.
 
Der Look des Films ist fantastisch und eindrucksvoll, aber sicher nicht „schön“. Nach „Shape of Water“ war auch bei „Nightmare Alley“ wieder Dan Laustsen für die Kameraarbeit verantwortlich. Und die Bilder, die der Däne auf die Leinwand bringt, sind außergewöhnlich. Del Toro kann seinen Film vor allem deshalb in Bildern und nicht bloß in Dialogen erzählen, weil Laustsen uns über diese Bilder in den Film eintauchen lässt. Wenn hier während der ersten paar Minuten kein verständlicher Dialog zu hören ist und der Held erst nach fast zehn Minuten Laufzeit zum ersten Mal spricht, dann weil die großartigen Bilder keinen Dialog brauchen.
 
 
Auch die Drehorte, die Bauten, die Kostüme und Requisiten tragen zu diesem großartigen Look bei. Alles wirkt nicht einfach nur zeitgemäß und authentisch. Man könnte Amerika zwischen 1939 und 1941 nicht authentischer zeigen, wenn man tatsächlich zu der Zeit gedreht hätte. „Nightmare Alley“ sieht hyper-authentisch aus.
 
Aber das gilt auch für Elemente die diesen Film „très noir“ machen. Ich glaube nicht, dass man uns im Kino schon mal realistischer gezeigt hat, wie ein verwahrloster Mann ein Huhn mit seinen bloßen Zähnen tötet. Missgebildete Föten, der grausam verstümmelte Körper einer wunderschönen Frau, das Gesicht eines totgeprügelten Mannes, die Splitter seiner Brille, die noch in den Fingerknöcheln seines Mörders stecken, … all das und noch mehr zeigt uns del Toro in allen Details in ebenso beeindruckenden wie verstörenden Bildern.
 
You don’t fool people. They fool themselves
 
Die geneigten Leser*innen mögen sich gerade fragen, wer außer dem Verfasser dieser Zeilen ein solcher Hyper-film-noir-Fan ist, um unabhängig von ihrer fantastischen Qualität an solchen Bildern Gefallen finden zu können. Dabei habe ich bisher nur von der visuellen Gestaltung des Films gesprochen. Das Drehbuch geht hier sogar noch weiter.
 
Im klassischen „film noir“ ist der „Held“ zu Beginn des Films schon kein netter Kerl. Die Umstände, seine Gier und natürlich eine „femme fatale“ lassen ihn noch weiter von Weg abkommen, sodass sein schlimmes Ende bald unausweichlich ist. Aber del Toro begnügt sich nicht mit Klischees. Die Motivation seiner Figuren ist immer psychologisch stimmig. Hier zeigt er uns eine Welt voller schwacher Menschen und legt die Gründe für all diese Schwächen dar. Nach „Hellboy“, „Pans Labyrinth“ und „Pacific Rim“ liefert er uns auch in „Nightmare Alley“ einen Protagonisten mit „daddy issues“. So drastisch wie hier haben sich diese Probleme aber in keinem der früheren Filme manifestiert.
 
Del Toro erzählt uns hier in teilweise furchtbaren, aber immer großartigen Bildern auf kompromisslose Weise die Geschichte eines emotional gestörten Protagonisten in einer grausamen Welt. Dazu bedient er sich eines Filmgenres, an dem seit Jahrzehnten kaum Interesse besteht und für das Teile des Publikums wohl kaum noch Verständnis haben. Es würde mich nicht überraschen, wenn viele Filmfans Mühe hätten, einen Zugang zu diesem Film zu finden.
 
The boy would love to be loved
 
Das wäre tatsächlich tragisch, weil die Darsteller in „Nightmare Alley“ alle beeindruckende Leistungen zeigen. Bradley Cooper ist einer der interessantesten Schauspieler unserer Zeit. In Filmen wie „American Hustle“ oder „American Sniper“ konnte er Herausforderungen meistern, an denen andere Darsteller gescheitert wären. Und selbst in diesem kaum erträglichen Schmachtfetzen mit Lady Gaga gelang es Cooper immer noch, zu brillieren.
 
Hier spielt er in der ersten Hälfte des Films einen jungen Mann vom Lande mit dunkler Vergangenheit und ehrgeizigen Ideen. In der zweiten Hälfte des Films ist er bereits erfolgreich, ist aber fest entschlossen, alles zu tun um noch mehr zu erreichen. Wenn seine Figur in dieser Phase des Films mit seiner Art zu sprechen, sich zu kleiden und sich zu bewegen seine Herkunft zu verbergen versucht und sich doch immer wieder in Kleinigkeiten verrät, zeigt Cooper eine der differenziertesten Leistungen seiner Karriere.
 
David Strathairn hat eine Vielzahl von Filmen mit großartigen Leistungen in Nebenrollen bereichert. Er wirkte furchteinflößend in „Dolores“ und zutiefst menschlich in „Nomadland“. Und auch hier breitet er in einen wenigen Szenen ein wunderbar trauriges Leben voller Weisheit und Erfahrung, aber auch Fehler und Schwächen vor uns aus.
 
Toni Collette schafft es mit einer Bewegung Ihres Fußes die wahren Absichten ihrer Figur zu vermitteln bevor sie diese ihrem Gegenüber offenbart. Rooney Mara vermittelt uns die Hoffnung, die sie den Helden schöpfen lässt. Willem Dafoe, Richard Jenkins, Ron Perlman, Mary Steenburgen und weitere bekannte Darsteller*innen sind in ihren wenigen Szenen so großartig, man möchte mit jeder dieser Figuren einen weiteren Film nur über sie sehen.
 
Es dauert eine gute Stunde, bis wir Cate Blanchett im Film zu sehen bekommen und selbst dann hat sie nur einige wenige Szenen. Trotzdem dominiert sie den ganzen Film. Blanchett zeigt hier sicher nicht die subtilste aber vermutlich eine der eindrucksvollsten Leistungen ihrer Karriere. Wenn del Toro mit „Nightmare Alley“ der ultimative „film noir“ gelungen ist, dann hauptsächlich weil Blanchett die ultimative „femme fatale“ ist.
 
 
Fazit
 
Guillermo del Toro hat wieder ein Kunstwerk geschaffen. Ein schwer zugängliches, schwer erträgliches Kunstwerk voll Fantasie, Realismus und fantastischer, realistischer Grausamkeit, aber trotzdem ein Kunstwerk. Für Kenner und Freunde des besonderen Films.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Guillermo del Toro
  • Drehbuch: Kim Morgan
  • Besetzung: Cate Blanchett, Bradley Cooper