Civil War - Kinostart: 18.04.2024

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Alex Garland hat einen immens interessanten Film gedreht.
 
Aber worum geht es in diesem Film?
 
I need a quote
 
Die USA befinden sich im Bürgerkrieg. Der Präsident gibt sich siegessicher. Aber Kriegsberichterstatterin Lee und ihr Kollege wollen sich nach Washington D.C. durchschlagen, „bevor es fällt“ und den Präsidenten dort interviewen. Der Weg dorthin ist lebensgefährlich ...
 
Alex Garland hat bisher die Romanvorlage zu einem Film von Danny Boyle verfasst („The Beach“), bevor er anfing Originaldrehbücher zu schreiben, von denen zwei wiederum kongenial von Danny Boyle („28 Days Later“ und „Sunshine“) und zwei weitere von anderen Regisseuren verfilmt wurden („Alles was wir geben mussten“, „Dredd“). Seine Filme „Ex Machina“, „Auslöschung“ und „Men“ inszenierte er dann selbst nach eigenem Drehbuch, wie nun auch „Civil War“.
 
Ähnlich wie Politiker, sollten manche Filmemacher niemals zu viel Macht und Entscheidungsgewalt auf sich vereinen dürfen. Unter Danny Boyle’s Regie wurde Garland‘s Drehbuch für „28 Days Later“ zum ersten wirklich intelligenten Zombiefilm. „Sunshine“ ist ein anspruchsvoller, intellektueller und gleichzeitig spiritueller Film. Aber bereits „Ex Machina“ war ein extrem hochwertig gemachter Film, der einen nach anderthalb Stunden mit dem Gefühl einer verpassten Chance zurückließ. „Auslöschung“ hätte funktionieren können, wenn man beim Publikum Interesse an den Figuren erweckt hätte. Und „Men“ ist einer dieser Filme, der Preise auf Festivals gewonnen hat, um dann von praktisch niemandem in Kino gesehen worden zu sein.
 
Nachdem ich „Civil War“ gesehen habe, stellte ich mir die Frage, worum es in diesem Film eigentlich gehen sollte. Und ich glaube, damit habe ich Alex Garland etwas voraus. Geht es in diesem Film um systematischen Machtmissbrauch durch opportunistisch-populistische Politik? Es dauert eine halbe Stunde, bis nebenbei erwähnt wird, welche Entscheidungen des amtierenden Präsidenten zur Krise geführt haben könnten. Und auch dann wird die Frage, warum so viele andere mächtige Menschen und Organisationen viel zu lange zugeschaut haben, nicht einmal am Rande gestreift.
 
Soll es um die tiefe Spaltung der USA gehen? Wie denn? Wie auch immer die friedliche politische Opposition zum Präsidenten dieses Films geheißen oder ausgesehen haben mag, bleibt ein Rätsel. Wir sehen fast nur Bewaffnete auf allen Seiten und mittendrin die unbewaffneten Kriegsberichterstatter, die in ihrem Job alle ein bisschen zu unbedarft agieren.
 
Es ist nicht nur unklar, worum es in „Civil War“ überhaupt geht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob Alex Garland mal darüber nachgedacht hat, was für eine Art von Film er machen wollte. Als politisches Drama funktioniert der Film gar nicht. Dass Bürgerkriege schlecht sind weil sie Leuten Anlass geben, andere Leute zu erschießen, war vielen von uns schon länger klar. Und die Leute, die das nicht so sehen, weil sie auf solche Anlässe warten, werden durch diesen Film nicht plötzlich ihren Fehler einsehen.
 
Als Drama über Kriegsberichterstatter funktioniert dieser Film auch kaum. Wir bekommen nur wenig von der wichtigen Arbeit dieser Menschen vermittelt. Einmal lobt die erfahrene Journalistin die junge, unerfahrene Kollegin „That’s a great Photo, Jessie“. Aber wir erfahren nicht, was das Foto großartig macht oder worauf es bei ihrer Arbeit ankommt. Wir hören im Verlauf des Films Dialogzeilen wie „Don’t be such a hotshot!“ oder „Just keep your head down!“, die nur so lange gut klingen, bis wir uns daran erinnern, dass Kriegsberichterstatter „Hotshots“ sein müssen und ihren Kopf leider nicht unten behalten können, wenn sie ihre wichtige Aufgabe erfüllen wollen.
 
Das Drama kann auch nicht funktionieren, weil sämtliche Figuren plumpe Klischees sind. Von der erfahrenen Kriegsberichterstatterin, die mit ihrer Aufgabe hadert, über ihren Kollegen, der sich abends immer betrinken muss und die unerfahrene Idealistin, die sich natürlich in unnötig in Gefahr begibt, bis zum gütigen, alten Reporter, der noch einmal mit den jungen Leuten ins Kriegsgebiet aufbricht, ... keine dieser Figuren ist etwas anderes als ein reines Handlungselement. Diese Figuren sagen oder tun nichts, was sie uns kennen lernen lässt. Ich hatte Mühe mir die Namen von zwei der vier Hauptfiguren zu merken.
 
Und natürlich ist alles was diese wandelnden Klischees tun und von sich geben wiederum reines Klischee. Die erfahrene, müde Berichterstatterin, will die junge, unerfahrene Kollegin natürlich nicht ins Kriegsgebiet mitnehmen. Und ebenso natürlich wird sie sich den Rest des Films wie eine ältere Schwester um sie kümmern. Will jemand spekulieren, wie es dem gütigen, alten Reporter ergehen wird, der noch einmal an einem Knüller dran sein möchte? Dann will vermutlich auch niemand raten, für wessen Dummheit am Ende jemand mit dem Leben bezahlen wird?
 
 
D.C. is falling ...
 
Es ist immer wieder traurig, zu sehen, was für ein gut gemachter, interessanter Film unter dieser wilden Mischung aus falschen Entscheidungen, Unentschlossenheit und Filmklischees begraben liegt. In einzelnen Szenen wird uns das packende Drama vermittelt, das ein sehr viel besserer Regisseur vielleicht aus Alex Garlands Vorlage herausgearbeitet hätte. Ein ausgebrannter Militärhubschrauber vor einem JC Penney hätte ein hervorragendes Bild abgeben können. Aber Alex Garland hatte zwar die Idee zu diesem Bild, scheitert aber daran, uns dieses Bild so zu zeigen, dass es uns mit der gebotenen Wucht erreicht.
 
Eine kurze Dialogstelle rund um die Frage, welche Währung an einer Tankstelle akzeptiert wird, ist brillant. Leider bleibt diese Szene alleine für sich stehen und wir erfahren nichts über die wirtschaftlichen und anderen Bedingungen der Krise. Ein Selbstmordattentat reißt uns fast aus dem Kinositz. Aber danach plätschert der Film eine halbe Stunde ereignislos vor sich hin. Eine Szene rund um ein Massengrab mitten in der amerikanischen Provinz ist der pure Horror. Aber diese Szene konnte leider nur stattfinden, weil sich erfahrene Kriegsberichterstatter zuvor mitten in einem Kriegsgebiet wie unreife Teenager aufgeführt haben.
 
Am Ende wirkt „Civil War“ nicht wie ein einheitlicher Film, sondern wie Flickwerk. Die viel zu laut und viel zu aufdringlich eingesetzte Filmmusik hilft uns auch kein Bisschen, in den Film einzutauchen. Die Komponisten Geoff Barrow und Ben Salisbury haben bereits an Garlands Filmen „Ex Machina“, „Auslöschung“ und „Men“ mit ihm zusammen gearbeitet. Und auch wenn jeder dieser Filme seine Qualitäten hatte, so ist doch keiner wegen der subtilen Musik im Gedächtnis geblieben.
 
Das Episodenhafte von „Civil War“ wird beim Finale noch einmal extrem deutlich. Als sich die verbleibenden Hauptfiguren in Washington D.C. die Pennsylvania Avenue hinunter kämpfen geht es plötzlich um etwas, das zuvor nie Thema war. Wie in einem Computerspiel gilt es plötzlich eine Aufgabe im Haus mit der Nummer 1600 zu bewältigen. An dieser Stelle wird der anderthalb Stunden unentschlossen, von einer Episode zur anderen mäandernde Film plötzlich zum Actionfilm. Die zynische Schlusspointe soll wohl kurz vor dem Abspann einen Gehalt vermitteln, den der Film leider nie hatte.
 
We just try to stay out
 
Wenn „Civil War“ wie ein Episodenfilm ohne Rahmenhandlung und Überbau wirkt, dann hilft das den Darstellern natürlich auch nicht. Kirsten Dunst hat während der letzten dreißig Jahre ihr Talent in so unterschiedlichen Filmen wie „Interview mit einem Vampir“, „Marie Antoinette“ oder „The Power of the Dog“ bewiesen. In „Civil War“ vermittelt sie uns keinen Charakter und keine Geschichte. Sie wirkt eigentlich nur alt und müde. Die Liste der Darstellerinnen, die das vermitteln können ist lang. Dafür braucht es keine Künstlerin vom Kaliber einer Kirsten Dunst.
 
Cailee Spaeny hat erst neulich mit Sofia Coppolas „Priscilla“ einen hervorragend gemachten, anspruchsvollen Film fast allein auf ihren schmalen Schultern getragen. In „Civil War“ kann sie uns nicht einmal ihre unreife kleine Nebenfigur vermitteln. Wenn Kirsten Dunst nur alt und müde wirkt, dann wirkt Cailee Spaeny vor allem jung und dumm. Die Liste der Darstellerinnen, die das vermitteln können, ist noch länger als die vorangegangene.
 
Wagner Moura kennt man als Pablo Escobar in der TV-Serie „Narcos“. In Filmen hat er bisher vor allem klischeehafte Nebenrollen wie „Vierter Gauner von links“ in „The Gray Man“ dargestellt. Seine Figur in „Civil War“ bietet Moura nicht einmal genug Substanz um seine Darstellung klischeehaft zu gestalten. Stephen McKinley Henderson ist einer dieser Nebendarsteller, die man immer wieder in Filmen sieht („Lady Bird“, „Dune“), deren Namen aber niemand kennt. Hätte Alex Garland sich mit seiner Figur ein bisschen mehr Mühe gegeben, hätte er das Klischee des „Magical Negro“ darstellen können.
 
Den großartigen Nick Offerman („Parks and Recreation“, „Bad Times at the El Royale”) als US-Präsidenten zu besetzen und sein Talent dann so zu verschwenden, ist das deutlichste Anzeichen dafür, dass man Alex Garland nicht alleine über einen ganzen Film entscheiden lassen darf.
 
Jesse Plemons hat sich im Lauf der letzten Jahre von kleinen Nebenrollen in Filmen wie „The Master“ und „The Homesman“ und „Vice“ zu einem der vielseitigsten Charakterdarsteller Hollywoods entwickelt („The Power of the Dog“). Sein kurzer Auftritt in „Civil War“ bildet einen der wenigen Höhepunkte dieses Films. Die Sequenz mit Plemons vermittelt einen kurzen Einblick in den Verstand eines Menschen, der keine Mitmenschen sondern überall nur „Fremde“ und „Andere“ und irgendwann nur noch „Feinde“ sieht. Diese Sequenz vermittelt auch einen kurzen Einblick in das Potential, das Alex Garland mit „Civil War“ verschenkt hat.
 
 
Fazit
 
Am Ende von „Civil War“ fragt man sich, worum es hier ging und wozu das alles gut war? Einzelne gelungene Szenen lassen erkennen, was für einen Film wir leider nicht zu sehen bekommen.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Walter Hummer
  • Regie: Alex Garland
  • Drehbuch: Alex Garland
  • Besetzung: Kirsten Dunst, Wagner Moura