Für Eli Roth bedeutet ICE CREAM MAN eine Rückkehr zu jenem Horrorkino, mit ...
... dem er bekannt wurde. Zwar dominieren auch hier literweise Kunstblut und drastische Splattereffekte, doch der Tonfall unterscheidet sich deutlich von den zynischen Grausamkeiten eines CABIN FEVER oder der kompromisslosen Härte der HOSTEL-Reihe. Statt auf möglichst verstörenden Terror setzt Roth diesmal auf grotesken, fast schon anarchischen Spaß.
Die Gewalt ist derart überzogen, dass sie eher an die hemmungslose Cartoon-Logik klassischer Trickfilme erinnert als an realistischen Horror. Wenn Körper zerlegt werden und Köpfe rollen, geschieht das mit einem Augenzwinkern und einer bewusst comichaften Überzeichnung.
Wer möchte Eis?
Ausgangspunkt der Geschichte ist eine scheinbar idyllische Kleinstadt, in der ein geheimnisvoller Eiswagen seine Runden dreht. Für die Kinder gibt es kaum etwas Aufregenderes als die süßen Leckereien – mit einer Ausnahme. Jared muss wegen seiner Laktoseintoleranz auf das Eis verzichten und fühlt sich als Außenseiter. Ausgerechnet dieser Umstand wird jedoch zu seiner Rettung. Denn nach Einbruch der Dunkelheit verwandeln sich sämtliche Kinder, die von dem Eis gegessen haben, in hemmungslose Killer.
Zunächst fallen ihre Eltern den blutrünstigen Sprösslingen zum Opfer, anschließend gerät jeder Erwachsene ins Visier, der ihren Weg kreuzt. Als Jared am nächsten Morgen in der Schule eintrifft, stellt sich heraus, dass nur zwei weitere Kinder nicht infiziert wurden. Gemeinsam müssen sie sich gegen ihre ehemaligen Freunde behaupten, die alles daransetzen, auch die letzten Verschonten mit einer Portion Eis in ihre Reihen zu holen.
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Handgemacht
Gerade in einer Zeit, in der digitale Effekte das Horrorkino dominieren, wirkt ICE CREAM MAN fast nostalgisch. Roth verlässt sich weitgehend auf klassische Masken- und Spezialeffekte, die von Hand entstanden sind. Diese zum Teil sehr stark als günstiger Effekt erkennbare Old-School-Ästhetik verleiht dem Film einen eigenständigen Charme und erinnert an eine Ära, in der Blutfontänen, Latexprothesen und mechanische Tricks zum festen Inventar des Genres gehörten.
Ebenso ungewöhnlich ist die Entscheidung, Kinder zu den eigentlichen Monstern zu machen. Solche Tabubrüche sind im heutigen Mainstream-Horror selten geworden. Erinnerungen an KINDER DES ZORNS drängen sich zwar auf, doch Roth verfolgt einen völlig anderen Ansatz. Wo der Klassiker düster und bedrohlich bleibt, setzt ICE CREAM MAN auf schwarzen Humor, absurde Übertreibungen und einen fast schon makabren Spieltrieb.
Auch filmhistorisch lässt sich Roths Werk interessant einordnen. Seine Freude an expliziten Splattereffekten knüpft unverkennbar an die Tradition von Herschell Gordon Lewis an, jenem Regisseur, der in den Sechzigerjahren mit Filmen wie 2000 MANIACS das Gorekino entscheidend prägte. Gleichzeitig verbindet Roth diesen Einfluss mit einer modernen Inszenierung und einem Tempo, das den Film nie lange zur Ruhe kommen lässt. Das Ergebnis ist eine Mischung aus nostalgischem Splatter und zeitgenössischem Horrorspaß, die bewusst jede Form von Realismus hinter sich lässt.
Überzogener Funsplatter
Erstaunlich ist dabei, wie leichtfüßig der Film trotz seiner drastischen Bilder wirkt. ICE CREAM MAN nimmt sich nie übermäßig ernst und präsentiert seine Gewaltexzesse mit einer fast kindlichen Lust an der Übertreibung. Wer Freude an überzogenem Funsplatter hat, dürfte bestens unterhalten werden. Zuschauer, die mit expliziten Goreeffekten wenig anfangen können, werden dagegen vermutlich früh an ihre Grenzen stoßen. Tatsächlich verließen bei Pressevorführungen mehrere Besucher den Saal – ob aus Abscheu vor den drastischen Bildern oder weil ihnen der Film insgesamt nicht zusagte, bleibt offen.
Roth weiß genau, welches Publikum er ansprechen möchte. Ihm geht es weniger um psychologischen Horror als um den Schockeffekt, der entsteht, wenn ausgerechnet Kinder zu unaufhaltsamen Killern werden. Sie erscheinen nicht als individuelle Figuren, sondern als bedrohlicher Schwarm. Besonders eindrucksvoll gelingt dies in einer Szene, die unweigerlich an Alfred Hitchcocks DIE VÖGEL erinnert: Während sich zunächst nur wenige Kinder hinter einer Figur versammeln, zeigt der nächste Schnitt plötzlich ein ganzes Klettergerüst voller regungslos wartender Killerkinder.
Fazit
Dass ICE CREAM MAN kein Film für jedermann ist, machte bereits der Hinweis deutlich, der der Einladung zur Pressevorführung beilag. Darin wurden Besucher ausdrücklich gebeten, ihre persönliche Belastbarkeit gegenüber den gezeigten Inhalten realistisch einzuschätzen. Eine Warnung, die durchaus ernst gemeint ist – denn auch wenn Roth den Horror mit Humor verbindet, überschreitet sein Film immer wieder bewusst Grenzen, an die sich heute nur noch wenige Produktionen heranwagen.
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