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Dune - Kinostart: 16.09.2021

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Die neue Verfilmung von „Dune“ ist ein fast perfektes Produkt. Aber ist „Dune“ ...
 
... auch ein guter Film?
 
Dreams make good stories …
 
Für alle, die weder das Buch gelesen haben, noch David Lynch’s Verfilmung von 1984 gesehen haben: In ferner Zukunft wird auf dem Wüstenplaneten Arrakis das „Spice“ abgebaut. Ohne „Spice“ wäre interstellarer Raumflug nicht möglich. Der Imperator entzieht den grausamen Harkonnen das Lehen Arakis und damit die Kontrolle über den Spice-Abbau und betraut Herzog Leto Atreides mit der Verwaltung des Wüstenplaneten. Letos Sohn Paul ist vielseitig begabt und Pauls Mutter, ein ehemaliges Mitglied des Ordens der Bene Gesserit, erzieht ihren Sohn zu einer Art galaktischem Messias. Paul beschäftigen aber vor allem seine Visionen von einer ubekannten Fremin, einer arrakischen Freiheitskämpferin. Auf Arrakis angekommen kommt es dann zum Verrat …
 
Mit „Arrival“ hat Regisseur Denis Villeneuve vor fünf Jahren einen großartigen Film gemacht. Sein „Dune“ ist aber vor allem ein Produkt. Und damit wir das gleich von vornherein festgehalten haben: „Dune“ ist ein ganz hervorragend produziertes Produkt. Die Besetzung ist handverlesen, die Effekte wirken einfach großartig, Kamera, Schnitt und Ton sind erstklassig. Das Produkt besteht also nur aus den besten Einzelteilen. Trotzdem bleibt es ein Produkt. Die Entscheidungen der Macher sind kaum kreative Entscheidungen, sondern vor allem reine Marketing-Entscheidungen.
 
Die folgenschwerste Marketing-Entscheidung der Produzenten war es, nur das halbe Buch zu verfilmen. Hier wird bereits im Titel ganz unverhohlen die Fortsetzung in Aussicht gestellt. Aber tatsächlich ist “Dune“ nicht einfach nur der erste Teil eines geplanten Franchise . Man kann es nicht anders ausdrücken: Wer sich eine Karte für „Dune“ kauft, bezahlt gutes Geld für 153 Minuten, die bloß die Exposition für Teil Zwei bilden.
 
Auch wenn mich die Fans der Vorlage dafür hassen mögen, die über 600 Seiten des Buches liefern zwar ein überaus originelles Konzept, allzu viel Handlung bekommt man aber nicht geboten. Wenn man nun dieses bisschen Handlung auf zwei Filme aufteilt und den ersten Teil enden lässt, wenn Paul und Jessica gerade auf die Fremen treffen, dann passiert in 153 Minuten einfach nicht genug, um diese Laufzeit zu rechtfertigen. Um das nochmal klarzustellen: „Dune“ ist ganz wunderbar anzusehen. Die Effekte sind von hervorragender Qualität, die Ausstattung ist superb, es gibt also wirklich viel zu sehen. Es passiert bloß nicht allzu viel. Und das was passiert, braucht teilweise eine ganze Weile um zu passieren.
 
Und wo nicht viel passiert, findet auch nicht viel Entwicklung statt. Daher lernen wir die Figuren nicht richtig kennen. Am ehesten gelingt uns das noch mit Lady Jessica. Aber warum Herzog Leto ein so großartiger Anführer sein soll, wird uns nie recht vermittelt. Die Harkonnen sind böse und gierig, weil sie eben böse und gierig sind. Warum die Schwestern der Bene Gesserit tun was sie tun, können wir bloß vermuten. Zu den Motiven des Imperators gibt es nicht einmal etwas zu vermuten. Am schlimmsten ist aber, dass wir unseren Helden, Paul Atreides“ bestenfalls oberflächlich kennenlernen. Und weil man uns mit Teil Eins nur auf Teil Zwei anspitzen will, macht dieser Paul leider keinerlei Entwicklung durch.
 
Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: Man will uns mit diesem Produkt nur Appetit auf Teil Zwei machen. Das wird offensichtlich wenn man beachtet, was uns dieser Film alles NICHT zeigt. Das Bisschen Handlung ist ja bloß einer Intrige des Imperators geschuldet. Den bekommen wir aber nie zu sehen. Die berühmten Sandwürmer bekommen wir nur wenige Male zu sehen. Die gigantischen Schiffe der Navigatorengilde sind in zwei kurzen Einstellungen kaum zu sehen. Und die Navigatoren selbst bekommen wir gar nicht zu sehen. Diese Wesen, die mithilfe des „Spice“ den interstellaren Raumflug erst möglich machen und das interessanteste und originellste Element der Vorlage sind, bekommen wir 2021 einfach niemals zu sehen, weil wir bald Tickets für Teil Zwei kaufen sollen.
 
 
Im Laufe von 153 Minuten kann man es irgendwann nicht mehr ignorieren: So schön „Dune“ auch anzusehen ist, das Ganze ist vor allem ein Produkt. Und wie bei jedem Produkt fängt man schließlich an, nach Mängeln zu suchen. Die Ausstattung ist toll. Aber wieso wirkt die Stadt, in der die Kolonialverwaltung von Arrakis ihren Sitz hat, so seltsam leer? Alles wirkt gigantisch, man sieht aber kaum jemals mehr als drei Bewohner gleichzeitig. Wieso recyceln die Anzüge der Fremen plötzlich nur noch Schweiß? Man muss kein Urologe sein, um zu wissen, wie der Körper noch Flüssigkeit verliert. Und wieso verfolgt einen in der Zukunft die eigene Nachttischlampe? Kann ein Herzog seinen Amtssitz nicht anders beleuchten?
 
Einen der schlimmsten Mängel stellt aber die Musik dar. Hans Zimmer war noch nie für seine subtile Filmmusik bekannt. Seine Klänge haben selten die Bilder auf der Leinwand unterstrichen. Tatsächlich hat uns Zimmer mit seiner Musik in Filmen wie „The Rock“ oder den verschiedenen Teilen von „Pirates of the Caribbean“ immer wieder manipulativ ins Ohr getönt. In „Dune“ geht er noch einen Schritt weiter. Seine Musik packt uns immer wieder mit beiden Händen bei den Ohren und dreht uns grob den Kopf zurecht. Mal klingt die Musik wie „Das ist jetzt traurig! Traurig, hast Du gehört?!“, mal wie „Das ist alles dramatisch! Pass gefälligst auf, wie dramatisch das alles ist!“. Und immer wieder hören wir „Das ist toll! Toll, sag ich Dir! Denk dran, auch Karten für Teil Zwei zu kaufen!“
 
You can see Spice in the Air
 
Vieles davon würde man einem gut gemachten Film vielleicht durchgehen lassen. Bei einem Produkt, dass uns bloß dazu verleiten soll, weitere Produkte zu kaufen (nach Teil Zwei ist übrigens bereits eine Fernsehserie in Planung), mag man nicht so nachsichtig sein. Deshalb kann man auch irgendwann nicht mehr ignorieren, dass die hochkarätige Besetzung recht unterschiedliche Leistungen zeigt.
 
Timothée Chalamet war in „Lady Bird“ großartig und hat sich in „Call Me by Your Name“ eine Oscar-Nominierung erspielt. Vielleicht hätte der noch recht junge Darsteller hier einen anderen Regisseur gebraucht. Amy Adams hat zwar in „Arrival“ unter Villeneuves Regie eine der besten Leistungen ihrer Karriere gezeigt. Aber ein Jahr später hat Villeneuve es nicht geschafft, Harrison Ford die Rolle des Rick Deckard in „Blade Runner 2049“ halbwegs nachvollziehbar oder stimmig spielen zu lassen, was umso schwerer wiegt, weil Ford diese Rolle ja mehr als dreißig Jahre vorher schon mal gespielt hat! Und sicher hat das Studio Chalamets Rolle die Entwicklung beschnitten, als man entschieden hat, zunächst nur das halbe Buch zu verfilmen. Vielleicht ist es also nicht seine Schuld, wenn Chalamet als Held schwach und leider etwas unreif wirkt.
 
Vielleicht ist Villeneuve wirklich nicht besonders gut darin, Schauspieler anzuleiten. Großartige Darsteller wie Oscar Isaac („Inside Llewyn Davis“) und Josh Brolin („Oldboy“) verlassen sich hier bloß auf ihre Wirkung. Und Stellan Skarsgard („Mamma Mia“) und Dave Bautista („Guardians of the Galaxy“) bekommen nicht einmal richtig Gelegenheit, Wirkung zu entfalten.
 
Rebecca Ferguson hat nach „Wenn Du König wärst“ und „Doctor Sleep“ wohl Übung darin, auch unter mittelmäßiger Regie zu glänzen. Mit ihrer stets nachvollziehbaren, kraftvollen Darstellung wirkt sie hier immer wieder wie die einzige auf der Besetzungsliste, die entschlossen ist, sich ihre Gage tatsächlich zu verdienen. Daher ist es doppelt schade, wenn man dieser großartigen Darstellerin und ihrer Figur während der letzten halben Stunde nichts anderes zu tun gibt, als auf pathetischen Dialog zu reagieren.
 
Zendaya kennen wir als entschlossen dreinblickende „M.J.“ in den neueren „Spider-Man“-Filmen. Auch in „The Greatest Showman“ hat sie immer wieder entschlossen in die Kamera geblickt. In „Dune“ sehen wir sie auch wieder entschlossen dreinschauen. Leider ist der Film zu Ende, bevor ihre Figur tatsächlich was zu tun bekommt.
 
 
Fazit
 
Mit seinen großartigen Bildern ist „Dune“ ein hervorragend produziertes Produkt. Um einen guten Film zu machen, hätte man aber die Kreativen entscheiden lassen müssen, nicht die Marketing-Abteilung.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Denis Villeneuve
  • Drehbuch: Eric Roth
  • Besetzung: Timothée Chalamet, Rebecca Ferguson