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Nicht Schon Wieder Allein Zu Haus - Disney + - Start: 12.11.2021

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Rund um Weihnachten gibt es unzählige Traditionen. Vielleicht wird ...
 
... es auch noch eine Weihnachtstradition, Filme über allein zu Haus zurückgelassene Kinder zu drehen …
 
Have yourself a merry little Christmas
 
Üblicherweise beginne ich meine Rezensionen mit einem kurzen Ausblick auf die Handlung des Films. Im Falle von „Nicht schon wieder allein zu Haus“ würde ich zunächst gerne darauf verzichten. Schon das Original „Kevin allein zu Haus“ wurde absolut zu Recht für seine wenig plausible und etwas unlogische Handlung kritisiert. Im Vergleich zur Neuauflage von 2021 erscheint einem die Handlung der Version von 1990 aber so plausibel wie ein Keksrezept und so logisch wie ein Schachspiel.
 
Vielleicht erzähle ich kurz, wie es überhaupt zu einer weiteren Neuauflage des Klassikers von 1990 kommen konnte. Es gab zunächst 1992 eine Fortsetzung. Dann folgten wenig bemerkenswerte Neuauflagen 1997, 2002 und 2012, die alle nie im Kino gelaufen sind. Und dann hat Disney im Laufe der letzten Jahre jedes Hollywoodstudio gekauft, das nicht bei drei auf den Bäumen war. Nach Marvel, Pixar, Lucasfilm, Searchlight und Blue Sky gehört seit 2019 auch 20th Century Fox (mittlerweile 20th Century Studios) zu Disney.
 
Mit all diesen Studios hat Disney auch die Rechte an all ihren Franchises gekauft. Und weil 20th Century Fox die Rechte an „Kevin allein zu Haus“ besaß, dürfen sich die Abonnenten von Disney+ in Zukunft vielleicht jedes Jahr, wenn die Tage kürzer werden und der Winter kommt, auf weitere Abenteuer von allein zu Haus zurückgelassenen Kindern freuen.
 
Hoffentlicht nicht, denn „Nicht schon wieder allein zu Haus“ hat nicht viel Erfreuliches zu bieten. Ich würde gerne berichten, man hat einfach den Film von 1990 nochmal neu verfilmt. Leider trifft nicht einmal das zu. Denn tatsächlich hat man vor allem übernommen, was bereits beim Original nicht gepasst hat. Zusammen mit neuen Einfällen, die nicht zum alten Konzept passen und einer zweitklassigen Umsetzung, bekommen wir ein Weihnachtsgeschenk, über das sich niemand wirklich freuen wird.
 
 
Mikey Day, einer der beiden Drehbuchautoren, hat bisher vor allem für „Saturday Night Live“ und „Robot Chicken“ geschrieben. Der zweite Autor, Streeter Seidel, hat auch vor allem für „SNL“ und andere Comedy- Shows gearbeitet. Aber was in einem kurzen Sketch vielleicht witzig sein mag, funktioniert nur selten über eine Laufzeit von 90 Minuten oder mehr. Was diese beiden Autoren uns hier anbieten, funktioniert leider gar nicht. Man erkennt, Day und Seidel haben es sich nicht leicht gemacht. Tatsächlich versuchen sie stellenweise sogar zu sehr, witzig zu sein.
 
In einer Szene versuchen zwei Figuren eine Mauer zu erklimmen. Dazu macht eine zartgewachsene Frau von vielleicht 1,60 m zunächst eine Räuberleiter für einen Mann, dessen Körperbau im Verlauf des Films bereits mit dem des Monsters von Frankenstein verglichen wurde. Witzig, oder? Moment, es kommt noch witziger. Der Mann muss furzen. Dann verliert er seine Hose. Beim Versuch die Mauer zu erklettern, tritt er seiner Frau ins Gesicht. Nachdem der große, schwere Mann durch das Dach eines Spielhauses bricht, merken die beiden zunächst, dass die Mauer zwei Meter weiter ein Tor gehabt hätte und dann, dass sie ins falsche Haus eingebrochen sind.
 
Nichts an dieser Szene ist witzig. Klar, wir können die Mühe erkennen, die sich die Macher dieses Films gegeben haben. Tatsächlich wirkt das Ganze nicht bloß bemüht sondern fast schon verzweifelt. Das ändert nichts daran, dass nichts an dieser Szene witzig ist. Diese Szene ist einfach schlecht geschrieben und ebenso schlecht inszeniert. Regisseur Dan Mazer hat bisher unter anderem „Das hält kein Jahr“ oder „Dirty Grandpa“ gedreht. Keiner dieser Filme lässt besonderen Sinn für Comedy-Timing erkennen. Und das Gleiche gilt leider auch für „Nicht schon wieder allein zu Haus“.
 
 
Die ganze Inszenierung hat bestenfalls passables Fernseh-Niveau. Der Film von 1990 war von John Hughes hochwertig produziert und von Chris Columbus ebenso hervorragend inszeniert worden. Im neuen Film sehen wir mittelmäßige Darsteller unmotiviert durch den Kunstschnee stapfen. In keiner Szene wirkt es, als könnte es im Dezember in einem Vorort von Chicago vielleicht kalt sein. Trotz Christbäumen und Geschenken kommt niemals Weihnachtsstimmung auf.
 
Rockin' Around the Christmas Tree
 
Aber es ist immer wieder das Drehbuch, das diesen Film nicht einmal halbwegs in die Nähe der Vorlage kommen lässt. Natürlich war die Story des Originals absurd. Aber die Figuren waren alle echte Charaktere. Kevin, seine Mutter, seine ganze Familie, der alte Nachbar, … selbst die beiden Einbrecher haben sich alle halbwegs stimmig verhalten. Sie alle haben so ähnlich agiert und reagiert wie echte Menschen in ähnlichen Situationen vielleicht agieren und reagieren könnten.
 
Die Neuauflage hingegen ist ein wunderbares Beispiel für einen „idiot plot“. Das ist eine Story, die nur funktioniert, weil sämtliche Beteiligten Idioten sind. Jede der Figuren sagt und tut Dinge, die kein Mensch mit einem IQ über Raumtemperatur jemals sagen oder tun würde. Die Dialoge in „Nicht schon wieder allein zu Haus“ klingen alle dumm und nie lustig. Und diese Dialoge führen alle zu Missverständnissen, die keinen Sin ergeben aber zu Situationen führen müssen, die wiederum dumm aber nie lustig sind.
 
Warum enthält ein Kühlschrank zehn verschiedene Sorten Milch? Warum liest jemand einem Fremden den Code für die Alarmanlage seines Hauses vor und lässt ihn sehen, wo der Schlüssel liegt? Warum schläft ein Kind im winterlichen Illinois in einer Garage? Warum glaubt das Kind, es soll verkauft werden? Warum isst jemand während eines Einbruchs Kekse? Und warum sollen wir es lustig finden, wenn ein Zehnjähriger die Füße einer unschuldigen Frau anzündet und ihren Mann verstümmelt?
 
Ich habe mir eben eine großartige Sequenz aus dem Film von 1990 angesehen. Der viel zu früh verstorbenen John Candy ist einfach fantastisch als „Gus Polinski, the Polka-King of the Midwest“. In zwei kurzen Szenen vermittelt uns Candy eine ganze Existenz. Dieser Mann strahlt echte menschliche Wärme aus, wenn er unbeholfen Trost spendet. Und man fühlt richtig, wie Catherine O’Hara trotz größter Verzweiflung höflich bleiben will. Diese Szene ist nicht nur witzig. Sie geht auch zu Herzen.
 
Natürlich muss auch in der Neuauflage die Mutter eine „witzige“ Episode mit einem Mitreisenden erleben. Im neuen Film starrt der Sitznachbar im Flugzeug ständig auf den Bildschirm vor dem Sitz der Mutter, statt auf seinen Bildschirm. Sie macht ihn darauf aufmerksam und er starrt weiter auf ihren Bildschirm. Wir wissen nicht, warum der Mann auf den falschen Bildschirm starrt. Wir sehen nicht, wie die Mutter weiter mit dieser Situation umgeht. Wir erfahren auch nicht, ob diese Situation überhaupt je weiter ging oder geklärt wurde. Wir bekommen nur eine sinnlose, isolierte und kein bisschen witzige Szene zu sehen, in der beide Protagonisten dumm sind.
 
Auch die Besetzung des neuen Films kommt nicht annährend an die des Originals heran. Aisling Bea ist eine passable irische Komikerin, die man auf der anderen Seite des Ärmelkanals aus Comedy-Shows wie „8 Out Of 10 Cats“ kennt. Warum sie in der Rolle der Mutter besetzt wurde ist unklar. Sie hat nichts zum Film beizutragen.
 
Ellie Kemper war ebenso witzig wie zauberhaft in „Brautalarm“ und „Unbreakable Kimmy Schmidt“. Vielleicht ist sie zu intelligent um eine so dumme Person oder zu lustig um in einem so humorlosen Film zu spielen. Auf jeden Fall vermag sie den Film auch nicht zu bereichern.
 
Rob Delaney war in einer kleinen Rolle so ziemlich das Witzigste an „Deadpool 2“. Hier hat er eine Hauptrolle und lässt uns nicht ein einziges Mal lachen.
 
Der damals zehnjährige Macaulay Culkin hat 1990 den Standard für Kinderschauspieler neu definiert. Aber der kleine Archie Yates hat uns erst letztes Jahr in „Jojo Rabbit“ wirklich berührt und auch zum Lachen gebracht. Hier wird er uns im Laufe des Films bloß immer unsympathischer.
 
 
Fazit
 
Nichts gegen Neuauflagen beliebter Klassiker. Und auch nichts gegen den Versuch, ein Franchise neu zu beleben. Aber dafür bräuchte es neue Ideen, kompetente Autoren und einen fähigen Regisseur. Dieser Film bietet nichts davon. Das Ergebnis reicht kaum für den hauseigenen Streaming-Dienst.
 
 
Link zum Film >> dplus b
 

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Weitere Informationen

  • Autor/in: Walter Hummer
  • Regisseur: Dan Mazer
  • Drehbuch: Mikey Day
  • Besetzung: Archie Yates, Ellie Kemper