Kommt nach „Digger“ gleich noch eine Öko-Satire ins Kino?
Schon okay, ich bin berühmt (Spoiler)
Aus der Ankündigung des Verleihs: „Joan (Anya Taylor-Joy) und ihre Anhänger stürmen die Wohltätigkeitsveranstaltung und nehmen drei Gäste als Geiseln. Unter ihnen sind Filmstar Mike Tyler (Chris Evans), Milliardär Ben Bracken (Vincent Cassel) und Künstlerin Katie (Ambika Mod). Joan ist überzeugt, dass die drei Teil einer rätselhaften Prophezeiung sind. Denn: Ein Held, ein Schurke und eine Geliebte sollen einem Vulkan geopfert werden, um eine drohende Katastrophe abzuwenden.“
Noch während ich „Sacrifice“ von Romain Gavras gesehen habe, musste ich wieder an eine alte Theater-Anekdote denken, die der große, mittlerweile verstorbene Otto Schenk über seine Anfänge als Schauspielschüler zu erzählen pflegte. Als er einmal den Monolog aus „Hamlet“ vorgetragen hatte, erklärte sein Professor anschließend: „Lieber Herr Schenk, man kann den „Hamlet“ spielen: gehend, sitzend, auf dem Rücken liegend, verhetzt, gemessen, laut, leise, philosophisch, nervös – man kann ihn spielen als Renaissancemensch, im modernen Gewand, als potentiellen Selbstmörder, man kann ihn spielen keuchend, mit kurzem Atem, eloquent, mit messerscharfer Rede. So wie sie ihn gespielt haben, kann man ihn nicht spielen.“
Und auch Regisseur und Co-Drehbuchautor Romain Gavras möchte man sagen: „Lieber Herr Gavras, man kann so eine Öko-Komödie drehen: satirisch, mahnend, ausgelassen, skurril, nachdenklich, abgedreht – man kann den Film drehen als Farce, als romantische Komödie, als Parodie, als Action-Komödie, als Parabel, als Tragikomödie, als Hommage an bessere Filme, man kann ihn drehen verrückt, kommerziell, abgehoben, theatralisch, scharfzüngig, experimentell, gefällig. So wie sie ihn gedreht haben, kann man ihn nicht drehen.“
View the embedded image gallery online at:
https://www.cinepreview.de/index.php/item/1331-sacrifice-kinostart-15-10-2026?css_request=1&diff=929679454#sigProIdf8270cff39
https://www.cinepreview.de/index.php/item/1331-sacrifice-kinostart-15-10-2026?css_request=1&diff=929679454#sigProIdf8270cff39
Eines der größten Probleme dieses Films ist sicher das Drehbuch von Romain Gavras und Will Arbery. Schon Gavras letzter Film nach eigenem Drehbuch „Athena“ wirkte bereits sehr unentschlossen, als hätten sich die Macher nicht entscheiden können, ob sie nun ein Sozialdrama oder einen Actionfilm drehen wollten. „Sacrifice“ geht noch einen Schritt weiter und wirkt, als hätten sich die Macher in ganz vielen wesentlichen Punkten einfach nicht entscheiden können. Nicht nur vermochten sie nicht zu entscheiden, welche Art von Film sie überhaupt machen wollten. Auch konnten sie sich nie entscheiden, wessen Geschichte sie nun wie erzählen wollten.
Der Film fängt als Geschichte eines Hollywoodstars in der Krise an. Nachdem dieser Handlungsstrang für ein paar recht lahme Gags gut war, wird er weitgehend links liegen gelassen. Das hätte eine gute Entscheidung sein können, wenn man stattdessen die Geschichte der einen oder anderen viel interessanteren und ergiebigeren Figur erzählt hätte. Leider konnte man sich auch dafür nicht entscheiden. Also bleibt die weibliche Hauptfigur der Aktivistin/Terroristin Joan ein leeres Klischee. Den Darsteller ihres Bruders lässt man in einer Szene sein Klischee kurz erklären, aber nie darstellen. Man konnte sich auch nicht entscheiden, zu klären, was mit der ebenfalls militanten, recht gruseligen Schwester eigentlich los ist, sodass es bei dieser Figur nicht einmal zum Klischee reicht. Die Tänzerin und Geliebte Katie darf in einem Halbsatz ihre vermutlich recht interessante Geschichte erwähnen, die den Film wohl bereichert hätte, um für den Rest des Films wieder zur Statistin degradiert zu werden und so weiter und so fort.
Irgendwie konnten die Filmemacher sich auch nicht entscheiden, über wen sie sich lustig machen wollten. Über den unsicheren Hollywoodstar, klar. Der macht sich Sorgen um Haarausfall, ist in einer Alptraumsequenz aber nur für wenige kurze Einstellungen mit Glatze zu sehen. Und wieso lässt man den Milliardär und Schurken wie Jeff Bezzos aussehen, wenn einem dann praktisch kaum etwas zu der Figur einfallen wollte? Zu einem Vorbild wie diesem (das in der in der Realität u.a. Penis-förmige Raketen ins All schießt) muss einem für einen Film, der ja wohl sowas wie eine Komödie oder sogar eine Satire sein soll, doch ein bisschen mehr einfallen als bloß Protz und Eifersucht. Komplett unentschlossen und hilflos wirkt es, wenn der Film sich 95 Minuten lang über den Fanatismus und die wirren Ansichten der Umwelt-Terroristen lustig macht, um ihnen während der letzten vier Minuten dann Recht zu geben.
Der Film ist stellenweise sehr schön anzusehen. Vor allem am geschickten Einsatz der Drehorte erkennt man, was Romain Gavras von seinem Vater dem großen Constantin Costa-Gavras gelernt hat. Aber dann schleichen sich doch auch in der Inszenierung immer wieder Klischees und Filmfehler ein. Und wir fragen uns längst nicht mehr, ob es an der Unentschlossenheit oder der Hilflosigkeit der Macher liegt, wenn wir keinen Grund für die offensichtliche Inkompetenz der Polizei gezeigt bekommen oder wenn die von einer Fernsehkamera aus einem Hubschrauber aufgenommenen Nachrichten-Bilder genauso aussehen wie die Film-Bilder, die uns gerade die Geschichte erzählen sollen.
Applaudiert für den Helden
Die Unentschlossenheit von Drehbuch und Regie setzt sich in der Arbeit der durchaus hochwertigen Besetzung fort. Ja, es ist natürlich witzig, wenn wir unser aller Lieblings-Captain America Chris Evans als Hollywoodstar in der Krise sehen, als „The insecure Avenger“ sozusagen. Aber nach ein paar Minuten fragt man sich, ob das alles war, was er in diesem Film darzustellen hat. Ein Sinneswandel gegen Ende des Films geschieht dann viel zu plötzlich und wirkt viel zu aufgesetzt, um Eindruck auf uns machen zu können. Kein Wunder, wenn Chris Evans nach unergiebigen Rollen in schwachen Filmen wie „Red One“, „Materialists“ und nun „Sacrifice“ bald wieder ins Marvel Cinematic Universe zurückkehrt.
Anya Taylor-Joy hat vor ungefähr zehn Jahren in Filmen wie „Split“ oder „Vollblüter“ einen tiefen Eindruck hinterlassen. Seitdem darf sie mit ihren sicher ausdrucksstarken Augen (die weiter auseinanderstehen als bei den meisten Menschen die Ohren) und zunehmend mehr außerirdisch wirkendem Gesicht in so unterschiedlichen Filmen wie „The Menu“, „Die schönsten und längsten Wüstenaufnahmen der Filmgeschichte: Part Two“ oder „Furiosa: A Mad Max Saga“ immer bedeutungsschwer knapp an der Kamera vorbeischauen. Leider war es ihr in keinem dieser Filme vergönnt, eine halbwegs sinnvolle, nachvollziehbare Person dazustellen. Dieses Muster setzt sich leider auch in „Sacrifice“ fort.
Vincent Cassel („Black Swan“) scheitert an der Darstellung einer Jeff Bezzos-Imitation, zu der den Drehbuchautoren nichts einfallen wollte. Ähnliches gilt leider auch für die Kurzauftritte von Salma Hayek Pinault („Eternals“), John Malkovich („Shattered“) und den Auftritten zweier noch recht unbekannter junger Damen namens Ambika Mod und Jade Croot.
Fazit
Über „Digger“ meinte ich neulich, der Film hätte „die inhaltliche Substanz einer besseren „Southpark“-Folge“. Auch „Sacrifice“ hätte vielleicht als halbstündiger Kurzfilm funktionieren können. Für mehr fehlte es leider sowohl an Ideen als auch an einem entschlossen umgesetzten Konzept.
|
Unterstütze CinePreview.DE:
|
Ähnliche Kritiken
Thelma: Rache war nie süsser - Kinostart: 10.10.20...
Mit 93 Jahren die erste Hauptrolle im Leben zu spielen, ist schon was. Noch dazu, ...
... wenn die eigenen Stunts auch noch übernommen werden. June Squibb ist die rüstige Mimin, die in THELMA – RACHE WAR NIE SÜSSER eine alte Dame spielt, die einem Scam zum Opfer fällt,...
The Expendables 4 - Kinostart: 21.09.2023
Mission gescheitert: Lange mussten wir ausharren bis zum vierten Teil ...
... der Actionsaga mit Sylvester Stallone und Jason Statham. Gelohnt hat sich das Warten jedoch nicht. Gut möglich, dass das Franchise nach diesem Kapitel tot ist.
Schleppende Entwickl...
Ruf der Wildnis - Kinostart: 20.02.2020
Der Roman von Jack London rund um einen Hund, der dem ...
... Ruf der Wildnis folgt, wurde erstmals 1935 mit Clark Gable und danach noch mehrmals verfilmt. Die neueste Version fällt gleichzeitig sehr altmodisch und doch modern aus.
„Gnade war etwas für ...
Creed II: Rocky´s Legacy - Kinostart: 24.01.2019
Die Fortsetzung von „Creed – Rocky’s Legacy“ ist tatsächlich vor allem eine ...
... Fortsetzung von „Rocky IV – Der Kampf des Jahrhunderts“. Und das war sicher nicht der beste Teil der ursprünglichen Serie.
F...


