Last Night in Soho - Kinostart: 11.11.2021

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Gewohnt stylisch: In seinem mit viel Retrowürze aufgeladenen ...
 
... Mix aus Horrorfilm und Psychothriller serviert Edgar Wright dem Publikum schicke Bilder, die von einem gut abgestimmten Soundtrack begleitet werden. Kann „Last Night in Soho“ aber auch inhaltlich überzeugen?
 
Abtauchen in die Swinging Sixties
 
Sein Faible für eine lässig-verspielte Attitüde und den launigen Einsatz bekannter Musikstücke stellte Filmemacher Edgar Wright zuletzt in „Baby Driver“, einer Hommage an das Gangstergenre, unter Beweis. Formal ungemein ausgeklügelt geht es auch in seiner jüngsten abendfüllenden Leinwandarbeit „Last Night in Soho“ zu, die Kenner des Spannungskinos unweigerlich an die italienischen Giallo-Streifen der 1960er und 1970er Jahre erinnern dürfte. Expressive, erzählerisch spekulative, in ihrer Gestaltung aber nicht selten ambitionierte Thriller-Werke, in denen bevorzugt Frauen einem mit Schlitzerwerkzeug ausgestatteten Killer zum Opfer fallen. Extravagante Farbenspiele und markante, ungewöhnliche Kameramanöver legen nahe, dass sich der britische Regisseur massiv aus eben dieser Richtung beeinflussen ließ.
 
Auch handlungstechnisch verweist Wrights jüngste Produktion auf das Giallo-Phänomen, vor allem Mario Bavas prägenden Beitrag „Blutige Seide“, der den Zuschauer in ein Model- und Fashionmilieu entführt. „Last Night in Soho“ schildert, wie die in die Kleidung und den Zeitgeist der 1960er Jahre vernarrte Eloise „Ellie“ Turner (Thomasin McKenzie) vom ländlichen Cornwall in die vibrierende Metropole London zieht, um dort an einer Hochschule für Modedesign zu studieren. Nach ihrer Ankunft macht sich allerdings erst einmal Ernüchterung breit, denn ihre Kommilitonen, besonders die jede Sekunde um Aufmerksamkeit heischende Jocasta (Synnøve Karlsen), übergießen die aus der Provinz kommende, selbst geschneiderte Klamotten tragende und partyunerfahrene Protagonistin mit Hohn und Spott.
 
Ellie wird es schnell zu bunt. Und nur wenig später quartiert sie sich in einem altmodischen Zimmer ein, das eine betagte Dame (in ihrem letzten Kinoauftritt vor ihrem Tod: Diana Rigg) am Schwarzen Brett zu Vermietung ausgeschrieben hat. Mit der Ruhe im neuen Domizil ist es jedoch nicht weit her. Schon bald findet sich Ellie in ihren Träumen im London der Swinging Sixties wieder und wird Zeugin, wie die selbstbewusste, eine Karriere als Sängerin anstrebende Sandie (Anya Taylor-Joy) in das großstädtische Nachtleben eingeführt wird. Ihr Weg nimmt allerdings eine düstere Wendung, die mehr und mehr in Ellies Wirklichkeit eindringt.
 
Feministische Grundhaltung
 
„Last Night in Soho“ beginnt als Drama einer Heranwachsenden, die mit dem Wechsel in eine fremde Umgebung zu kämpfen hat, entwickelt sich durch die mit akribischem Aufwand ausgestatteten, nicht zuletzt über damalige Lieder atmosphärisch angereicherten 1960er-Jahre-Passagen zu einem nostalgisch gefärbten period picture, nur um dann die Abzweigung in schummrige Psychohorrorgefilde zu nehmen. Die Ebenen fließen immer stärker ineinander. Und mit der Zeit schält sich ein handfestes Anliegen hinter dem Verwirrspiel heraus: Wright, der zusammen mit Krysty Wilson-Cairns („1917“) auch das Drehbuch schrieb, will uns nicht nur zum Miträtseln animieren und Angst einjagen, sondern versucht parallel, Sexismus gegen und Ausbeutung von Frauen in den Fokus zu rücken.
 
Die von Ellie verehrten Swinging Sixties sind, so zeigt es der Film, keineswegs nur eine Dekade der großen Befreiung. In den Varietéhäusern und Clubs Londons können Suchende wie Sandie vielmehr in ein brutales Missbrauchs- und Abhängigkeitssystem geraten. Dass es in der Gegenwart keineswegs nur rosig aussieht, unterstreicht der Moment, in dem Ellie in der Themse-Metropole ankommt. Der Taxifahrer, der sie zu ihrem Wohnheim bringen soll, ergeht sich in Anzüglichkeiten und warnt seine spürbar verunsicherte Kundin beim Aussteigen, sie habe in ihm nun ihren ersten Stalker.
 
 
„Last Night in Soho“ ist ein ästhetisch anregender, zugleich aber mit einer ordentlichen Portion Wut vorgetragener Angriff auf eine verabscheuungswürdige männlich Haltung, wonach Frauen Objekte sind, die man nach Belieben formen kann. Ellies wendungsreiche Abwärtsspirale lässt die Spannung immer mal wieder nachhaltig ansteigen.
 
Ganz so raffiniert und vielschichtig, wie sich der unheimliche Thriller gibt, ist er unter dem Strich jedoch nicht. Langweilige Klischees bemüht das Drehbuch beispielsweise bei den beiden Nebenfiguren Jocasta, dem Inbegriff des versnobten Bullys, und John (Michael Ajao), der als von Anfang an hilfsbereites potenzielles love interest vor allem ein dramaturgischer Funktionsträger bleibt. Halbherzig binden Wright und seine Koautorin den Jahre zurückliegenden Selbstmord von Ellies Mutter in das Geschehen ein. Der aus der Vergangenheit ins Hier und Jetzt schwappende Schrecken kommt in Gestalt einiger Gruselerscheinungen daher, die ihre Verstörungskraft schnell verlieren. Und im Schlussdrittel nimmt der Film denkbar grelle Formen an. Aus den Exzessen spricht zwar ein tiefsitzender Schmerz. Die feministischen Grundgedanken der Handlung werden durch sie aber ein Stück weit überlagert.
 
 
Fazit
 
Eine stylische Optik, clever eingesetzte Musiktitel und ein Nervenkitzel produzierendes Rätsel machen aus „Last Night in Soho“ einen reizvollen Zeitreiseschocker, dem einige Drehbuchmängel allerdings den Weg zu einer echten Genreperle verstellen.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Christopher Diekhaus
  • Regie: Edgar Wright
  • Drehbuch: Krysty Wilson-Cairns
  • Besetzung: Thomasin McKenzie, Anya Taylor-Joy