Home Sweet Home: Wo das Böse wohnt - Kinostart: 25.01.2024

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Ganz schön mutig! Thomas Sieben dreht einen deutschen Horrorfilm, und ...
 
... das auch noch ohne einen einzigen Schnitt. Was an dem inhaltlich uninspirierten Grusler am meisten begeistert, ist Hauptdarstellerin Nilam Farooq.
 
Schwanger im Nirgendwo
 
Es gibt sie, die Versuche, düstere deutsche Genrestoffe auf die große Leinwand zu bringen. Als fester Bestandteil der heimischen Kinokultur hat sich der Horrorfilm in den letzten Dekaden aber nie etablieren können. Und das, obwohl wir in den 1920er Jahren sogar Vorreiter waren. „Das Cabinet des Dr. Caligari“ und „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ sind einflussreiche Schauerwerke aus hiesiger Produktion, auf die sich noch heute viele internationale Regisseure beziehen. Moderne deutsche Gruselstücke mit ähnlicher Strahlkraft sucht man indes vergebens.
 
Filmemacher Thomas Sieben, der für Netflix bereits die beiden Thriller „Kidnapping Stella“ und „Prey“ inszenieren durfte, will es dennoch wissen und versucht, mit „Home Sweet Home – Wo das Böse wohnt“ mal wieder etwas Schrecken in unsere Kinosäle zu tragen. Mutig ist nicht nur seine Genrewahl. Auch der formale Ansatz hat es in sich. Gedreht ist sein Spukstreifen nämlich in einer einzigen, 84 Minuten langen Einstellung, vollzieht sich also in Echtzeit. Ein Experiment, das eine ausgeklügelte Planung erfordert. Jede Kamerabewegung muss sitzen, genauso wie jede Schauspielreaktion. Schon ein kleiner Fehler kann alles zunichtemachen und einen Neustart erzwingen.
 
Wohl wegen dieser Herausforderungen setzt Thomas Sieben in seinem Drehbuch fast ausschließlich auf altbewährte Elemente. Protagonistin Maria (Nilam Farooq) fährt gleich zu Anfang – natürlich – ganz allein in die Pampa. Dass sie in Kürze ein Kind erwartet – egal! Ihr Verlobter Viktor (David Kross), der sich noch um berufliche Dinge kümmern muss, hat ja versprochen, so schnell wie möglich nachzukommen. Ihr Ziel: Das Landhaus seiner Familie, das die beiden mit ihrem Baby zu ihrem gemeinsamen Nest machen wollen.
 
Marias Pläne, auf dem Anwesen eine Bed-and-Breakfast-Unterkunft einzurichten, trägt Viktor zwar mit. Zwischen den Zeilen ist in ihren Videotelefonaten jedoch herauszuhören, dass er ihren Eifer überzogen findet. Finanziell haben sie es offenbar nicht nötig. Und außerdem werde es als Mutter ja stressig genug. Viktors Herablassung fügt sich bestens ein ins Horrorgenre, das – siehe den Klassiker „Rosemaries Baby“ oder den 2022 veröffentlichten Rohrkrepierer „Bed Rest“ – bereits einige schwangere Frauen mit wenig verständnisvollen bis manipulativen Partnern konfrontiert hat.
 
 
Schrecken aus der Geschichte
 
Auf dem Weg ins neue Heim begegnet Maria einem Nachbarn (Anton Fatoni Schneider), der sich – Achtung, Klischee! – merkwürdig benimmt. Einmal gelandet, beginnen die Lichter im Haus verrückt zu spielen und eine geisterhafte Präsenz umherzuwandern. Unvermeidlich ist dann auch der Gang in den Keller, wo – noch so eine Genreplattitüde – in einem versteckten Raum ein dunkles Geheimnis lauert. Irgendwie konsequent, dass ausgerechnet jetzt Marias Unterleib zu schmerzen anfängt. Eine Entwicklung, die Wilhelm (Justus von Dohnányi), ihren Schwiegervater in spe, auf den Plan ruft. Als Arzt lässt er es sich nicht nehmen, sofort ins Auto zu steigen und der Zukünftigen seines Sohnes beizustehen.
 
In puncto Schockeffekte bekleckert sich der Film nicht unbedingt mit Ruhm. Zu unspektakulär und stereotyp ist das, was uns Thomas Sieben als erschreckend präsentieren möchte. Andererseits muss man bedenken, dass sein One-Shot-Konzept automatisch Einschränkungen mit sich bringt. Die Möglichkeit, den Zuschauer über gut platzierte Schnitte durchzuschütteln, hat er nicht. Bei ihm passiert fast alles im Moment, vor der kontinuierlich weiterlaufenden Kamera. Bahnbrechend-ausgeklügelte jump scares sind da nur schwer umsetzbar.
 
 
Den Ursprung des Grauens verortet „Home Sweet Home – Wo das Böse wohnt“ in einem filmisch bislang vernachlässigten Kapitel der deutschen Geschichte und wirft Fragen zu familiärer Schuld und deren Weitergabe von einer Generation zur nächsten auf. So interessant der Hintergrund auch sein mag – am Ende bleibt er ein austauschbarer Aufhänger. Trotz einer in die Handlung eingebauten Rückblende (ein weiterer logistischer Kraftakt!) wird die abgebildete Zeit und das damals verursachte Leid nicht richtig greifbar.
 
Ist „Home Sweet Home – Wo das Böse wohnt“ also ein weitere Enttäuschung, was deutsche Horrorbemühungen betrifft? Ein solches Urteil ist zu hart. Denn zwei Dinge sorgen dafür, dass zumindest streckenweise Spannung aufkommt. Die schnittlose Inszenierung verleiht dem Geschehen in manchen Augenblicken etwas Drängendes. Ununterbrochen sind wir an Marias Seite, beobachten ihre wachsende Panik. Noch wichtiger ist das Spiel der Hauptdarstellerin, die die Emotionen ihrer Figur glaubhaft transportiert. Nichts an ihrer Darbietung wirkt gekünstelt, weshalb man Maria selbst in schwächeren Phasen die Daumen drückt. Farooqs Leistung macht aus Siebens Gruselthriller keinen guten Film, wertet ihn aber immerhin etwas auf.
 
 
Fazit
 
Das Drehbuch gibt nicht viel her, die Schockeffekte sind mäßig aufregend, Nilam Farooq allerdings verleiht dem One-Shot-Schocker mit ihrer engagierten Performance gelegentlich die nötige Intensität.
 
 
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Weitere Informationen

  • Autor:in: Christopher Diekhaus
  • Regie: Thomas Sieben
  • Drehbuch: Thomas Sieben
  • Besetzung: Nilam Farooq, Justus von Dohnányi