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Jugend ohne Gott

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Jugend ohne Gott ist eine gelungene deutsche Buchverfilmung, ...
 
... ein spannungsreicher und moderner Jugendfilm, auch für Leute ohne Kenntnis der Vorlage. Mit einigen schönen philosophischen Momenten und einem Hauch von Hunger Games.
 
Lebensentwürfe in einer Leistungsgesellschaft
 
Es gilt schon lange der Leitsatz, wer es im Leben zu etwas bringen möchte, sollte in der Schule fleißig sein. Doch Noten gibt es nicht nur in der Schule und Fleiß wird auch in der Arbeit und sogar im Privatleben längst überwacht und bewertet. Auch in dem Film müssen die Protagonisten in einer nicht sehr weit entfernten Zukunft beweisen, dass sie das Zeug dazu haben, an einer der renommiertesten Universitäten studieren zu dürfen. Dafür müssen sie im Klassenverband ein Trainingscamp im Wald absolvieren, wo ihnen zahlreiche anstrengende Aufgaben gestellt werden.
 
Überwacht werden sie dabei von ihrem Klassenlehrer (Fahri Yardim) und einer Psychologin (Anna Maria Mühe). Bald schon beginnt der Schüler Zach (Jannis Niewöhner) gegen die teilweise harten Regeln dieses Zeltlagers aufzubegehren. Seine Zeltgenossin Nadesch (Alicia von Rittberg) versucht ihn zur Vernunft zu bringen, doch er beginnt heimlich eine Affäre mit dem Zigeunermädchen Ewa (Emilia Schüle). Sie ist Teil einer Gruppe illegal herumstreifender Jugendlicher, die außerhalb der Gesellschaft leben. Als Zach aufgrund seines Verhaltens heimgeschickt werden soll, beschließt er zu Ewa in den Wald zu fliehen.
 
Kurz darauf wird Nadesch tot im Wald aufgefunden, offensichtlich ist sie mit einem Stein erschlagen worden. Der Verdacht fällt schnell auf die Streunerin, doch Zach scheint sie mit allen Mitteln schützen zu wollen, dafür nimmt er sogar die Schuld an dem Mord auf sich. Während des anschließenden Gerichtsverfahrens beginnt der Klassenlehrer mehr und mehr an der offiziellen Version des Geschehens zu zweifeln und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei wird ihm klar, wie ungerecht und unmenschlich die Gesellschaft geworden ist und dass er sich längst mitschuldig gemacht hat.
 
Wenn eine Dystopie längst Wirklichkeit ist
 
Obwohl die Ausstattung des Films sich Mühe gibt, einen futuristischen Look herzustellen, angelehnt an den amerikanischen Erfolg von Die Tribute von Panem, die ebenfalls auf einer Buchvorlage basieren, merkt man hier recht schnell, dass auf der inhaltlichen Ebene eine höchst aktuelle Geschichte erzählt wird. Es ist erstaunlich wie nachvollziehbar die Handlung für moderne Zuschauer wirkt, obwohl das Original in einer faschistischen Gesellschaft in den 30er Jahren spielt. Nicht zuletzt dank einer klugen Adaption des Stoffes (Drehbuch: Alex Buresch, Matthias Pacht) merkt man wieder, wie gute Literatur die Zeit überdauern kann.
 
 
Es gelingt den Filmemachern auch, trotz aller gesellschaftlicher Kritik eine spannende und facettenreiche Geschichte zu erzählen (Regie: Alain Gsponer) und ein lebendig wirkendes Universum zu schaffen (Szenenbild: Erwin Prib), dass über die Hauptschauplätze hinaus reicht. Auch die Bildsprache (Kamera: Frank Lamm) und das gelungene Editing (Schnitt: Tobias Haas) sorgen für ein Werk, das mühelos erreicht, was schon etliche deutsche Produktionen vor ihm versucht haben: nämlich mit dem amerikanischen Markt zu konkurrieren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in dem Mut, einen relevanten Stoff zeitgemäß zu erzählen und sowohl der Vorlage als auch den modernen Sehgewohnheiten gerecht zu werden.
 
Ähnlich wie schon Lola rennt, die Welle und Das Leben der Anderen gezeigt haben, liegt die Stärke des deutschen Kinos dort, wo die filmische Effekte die philosophische Komponente eines Stoffes nicht zukleistern, sondern nur behutsam unterstützen. Hervorzuheben ist auch die durchweg starke Leistung der Schauspieler, allen voran Fahri Yardim in seiner ersten tragischen Rolle. Ohne sich hinter komödiantischen Attitüden verstecken zu können, zeigt er wenig Mimik aber viel emotionale Tiefe. Auch der restliche Cast spielt trotz des jungen Alters der Darsteller angenehm erwachsen und stimmig. Einzig Emilia Schüle als moderne Ronja Räubertochter wirkt ein bisschen zu zahm geraten.
 
 
Kapitalismuskritik im Kino als Paradoxon Natürlich erliegt der Film an vielen Stellen der Versuchung, in seinen Schauwerten zu schwelgen. Doch man darf dabei nicht vergessen, dass das jugendliche Zielpublikum wohl nur so zu erreichen ist. In Zeiten wo man mit Fuck ju Göhte um immer weniger Kinogänger konkurriert, sollte ein bisschen Effekthascherei erlaubt sein.
 
Es ist wohl bald soweit, dass Lehrer sich die Zeiten zurücksehnen, wo Schüler überhaupt noch ins Kino gegangen sind. Lange vom Schulsystem als Bildungseinrichtung ignoriert, hat der Zeitgeist die Vorführsäle längst verlassen und ist ins Internet abgewandert, mit kurzen Serien und noch kürzeren Youtube-Videos. Es ist daher keineswegs opportunistisch zu hoffen, dass sich möglichst viele Schulklassen diesen Film ansehen, wenn sie damit ihre Schüler zu einer Debatte bewegen, die durch die Lektüre eines Buches kaum mehr zu erreichen ist.
 
Ob unsere Gesellschaft jedoch vor dieser filmischen Dystopie gerettet werden kann, steht in den Sternen und dass die Hoffnung wieder einmal auf einem Stoff wie diesem ruht, lässt das Schlimmste befürchten. Das Kino als kapitalistisches Massenmedium versucht die Welt vor dem totalen Ausverkauf ihrer Werte bewahren. Wie traurig und paradox zugleich.
 
 
Fazit
 
Die gelungene Neuinterpretation eines fesselnden literarischen Stoffes, mit tollen Schauspielern und einer wendungsreich erzählten Geschichte. Unbedingt anschauen, weitersagen, diskutieren.
 
 
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Weitere Informationen

  • Kritik-Autor/in: Sascha Fersch
  • Regisseur: Alain Gsponer
  • Drehbuch: Alex Buresch
  • Stars: Alicia von Rittberg, Jannis Niewöhner
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